{"id":72486,"date":"2021-06-03T14:15:52","date_gmt":"2021-06-03T14:15:52","guid":{"rendered":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/?p=72486"},"modified":"2021-06-03T14:19:21","modified_gmt":"2021-06-03T14:19:21","slug":"die-gruenen-sind-die-islamisten-des-westens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/?p=72486","title":{"rendered":"Die Gr\u00fcnen sind die &#8222;Islamisten&#8220; des Westens"},"content":{"rendered":"<p>Ihr werdet es noch erleben<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>&#8222;Neue Z\u00fcrcher Zeitung<br \/>\nDie Pandemie ist noch nicht vorbei. Doch die n\u00e4chste globale Katastrophe ist auf dem Weg \u2013 und wir sind nicht bereit<br \/>\n Niall Ferguson vor 1 Std.<\/p>\n<p><strong>Corona hat gezeigt: Es gibt kaum noch einen Unterschied zwischen Natur- und menschengemachten Katastrophen.<br \/>\nDie Covid-19-Pandemie ist nicht vorbei, doch es ist bereits klar, dass Lord Rees, Britanniens Astronomer Royal, seine Wette aus dem Jahr 2017 mit dem Harvard-Psychologen Steven Pinker gewonnen hat, wonach \u00abBioterror oder Bio-Fehler zu mehr als einer Million Toten infolge eines einzigen Ereignisses f\u00fchren werden \u2013 in nicht mehr als sechs Monaten ab dem 31. Dezember 2020.\u00bb<\/p>\n<p>Laut Johns Hopkins University forderte Sars-CoV-2 im letzten Jahr 1,8 Millionen Menschenleben. <ins datetime=\"2021-06-03T14:15:54+00:00\">Bis zum 1. August k\u00f6nnten es weltweit mehr als f\u00fcnf Millionen Todesf\u00e4lle werden \u2013 oder neun Millionen, wenn man die drastische neue Hochrechnung des Institute for Health Metrics and Evaluation akzeptiert.<\/ins> Es h\u00e4tte nat\u00fcrlich auch schlimmer kommen k\u00f6nnen. Im M\u00e4rz 2020 meinten einige Epidemiologen, dass es ohne drastische soziale Kontaktbeschr\u00e4nkungen und \u00f6konomische Lockdowns letztlich 30 bis 40 Millionen Tote geben k\u00f6nnte. Doch die Kosten f\u00fcr diese nicht pharmazeutischen Interventionen waren enorm \u2013 allein in den USA gesch\u00e4tzte 90 Prozent des BIP.<\/p>\n<p>Die Warnung von Lord Rees war vor dem Jahr 2020 nur eine unter vielen, dass ein neuer Krankheitserreger und die durch ihn ausgel\u00f6ste Pandemie eindeutig die dringlichste Gefahr f\u00fcr die Menschheit sei. Doch als eine Pandemie zuschlug, folgten aus diesen Warnungen in den meisten L\u00e4ndern irgendwie keine raschen und wirksamen Aktionen. Warum kamen so viele Demokratien so schlecht mit dieser Krise zurecht?<\/strong><\/p>\n<p>Wen es hart traf<br \/>\nDie Leitlinie der geringsten intellektuellen Resistenz musste man populistischen F\u00fchrern wie dem US-Pr\u00e4sidenten Donald Trump, dem Premierminister des Vereinigten K\u00f6nigreichs Boris Johnson, dem brasilianischen Pr\u00e4sidenten Jair Bolsonaro und inzwischen dem indischen Premierminister Narendra Modi vorwerfen. Sie haben sich gewiss nicht ausgezeichnet, um es vorsichtig auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Doch im Hinblick auf die Sterblichkeit traf es Belgien weit h\u00e4rter als die USA, das Vereinigte K\u00f6nigreich und Brasilien. Dabei war Belgiens Premierministerin (sie war w\u00e4hrend des gr\u00f6ssten Teils von 2020 im Amt) eine Liberale. Peru wurde schlimmer getroffen als fast alle anderen grossen L\u00e4nder. Obwohl sein Pr\u00e4sident Martin Vizcarra im letzten Jahr (zwei) Amtsenthebungsverfahren erlebte, kann man ihn nicht wirklich als Populisten bezeichnen.<\/p>\n<p>War die Demokratie selbst das Problem? Nein. In China reagierte der Einparteistaat auf den Ausbruch des neuartigen Coronavirus ziemlich \u00e4hnlich wie sein sowjetisches Gegenst\u00fcck auf die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986: mit L\u00fcgen. Beispielsweise erz\u00e4hlte Peking am 31. Dezember 2019 der Weltgesundheitsorganisation, es gebe \u00abkeine klaren Beweise\u00bb f\u00fcr eine \u00dcbertragung von Mensch zu Mensch. Am n\u00e4chsten Tag wurden in Wuhan acht \u00c4rzte festgenommen, die versucht hatten, Alarm zu schlagen. Die Regierung des Pr\u00e4sidenten Xi Jinping verhinderte die Ausbreitung des Virus \u00fcber Hubei hinaus nur durch drakonische Einschr\u00e4nkungen der pers\u00f6nlichen Freiheiten.<\/p>\n<p>Anderen autorit\u00e4ren Regimen erging es schlimmer, obwohl wir nicht sicher angeben k\u00f6nnen, wie schlimm, weil die Sterblichkeitsstatistiken von Russland und Iran nicht vertrauensw\u00fcrdig sind. Mit ihren Reaktionen auf die Pandemie waren Taiwan und S\u00fcdkorea \u2013 zwei Demokratien Ostasiens \u2013 die klaren Sieger. Das Rennen um die Entwicklung von Impfstoffen gewannen Biotech-Firmen in den USA und in Deutschland. Das Rennen um die Verteilung entschieden Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate und das Vereinigte K\u00f6nigreich f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Katastrophen sind Augenblicke der Wahrheit<br \/>\nWir neigen dazu, zwischen Naturkatastrophen und von Menschen verursachten Katastrophen zu unterscheiden. Doch eine Pandemie besteht aus einem neuen Krankheitserreger und den sozialen Netzwerken, die er attackiert. Das Ausmass der Ansteckung k\u00f6nnen wir nicht allein durch die Untersuchung des Virus verstehen, weil das Virus nur so viele Menschen infiziert, wie die sozialen Netzwerke es zulassen, und das wiederum hat viel mit Politik zu tun.<\/p>\n<p>Selbst ein Erdbeben ist nur so katastrophal, wie das Ausmass der Urbanisierung entlang der Verwerfungslinie \u2013 oder der K\u00fcstenlinie, wenn es einen Tsunami ausl\u00f6st. Eine Katastrophe legt die von ihr getroffenen Gesellschaften und Staaten bloss. Es ist ein Augenblick der Wahrheit, der Offenbarung \u2013 einige erweisen sich als zerbrechlich, andere als resilient und manche (um es mit Nassim Nicholas Taleb zu sagen) als \u00abantifragil\u00bb \u2013 sie sind nicht nur imstande, der Katastrophe zu widerstehen, sondern f\u00e4hig, gest\u00e4rkt aus ihr hervorzugehen. In diesem Sinne sind alle Katastrophen von Menschen verursacht, weil unser Handeln (einschliesslich unserer politischen Vorbereitungen und Reaktionen) festlegt, wie hoch die \u00dcbersterblichkeit ausf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Der Historiker Marc Bloch gab seiner Darstellung vom Zusammenbruch Frankreichs im Sommer 1940 den Titel \u00abDie seltsame Niederlage\u00bb. Die Erfahrungen, die man in Amerika und in Deutschland mit Covid-19 gemacht hat, waren auf ihre jeweilige Art in vieler Hinsicht seltsame Niederlagen, obwohl Keime und nicht Deutsche f\u00fcr die Todesf\u00e4lle verantwortlich waren. Schlechte F\u00fchrung spielte zweifellos eine Rolle. Doch Bloch stellte sicherlich nicht die Behauptung auf, die Niederlage Frankreichs sei allein der Fehler des Premierministers Paul Reynaud gewesen.<\/p>\n<p>Unser Gehirn kommt nicht mit<br \/>\nKatastrophen haben es an sich, dass sie schwer vorherzusehen sind. Bei manchen handelt es sich um \u00abvorhersagbare \u00dcberraschungen\u00bb \u2013 wie Michelle Wuckers \u00abgraue Rhinos\u00bb, die auf uns zust\u00fcrmen. Doch manchmal k\u00f6nnen diese grauen Rhinos, wenn sie zuschlagen, sich in Talebs \u00abschwarze Schw\u00e4ne\u00bb verwandeln \u2013 in verwirrend erscheinende Ereignisse, von denen man jetzt behauptet, niemand habe sie vorhersehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das liegt zum Teil daran, dass viele katastrophale Ereignisse von Potenzgesetzen gesteuert werden und nicht von einer normalen Wahrscheinlichkeitsverteilung, wie sie unser Gehirn besser verstehen kann. Die H\u00e4ufigkeitsverteilung von Pandemien gleicht nicht der vertrauten Glockenkurve, bei der die meisten Ausbr\u00fcche um den Mittelwert versammelt sind. Wenn man das Ausmass von Pandemien gegen die H\u00e4ufigkeit ihres Auftretens als logarithmische Kurve aufzeichnet, erh\u00e4lt man eine Gerade. Das gilt auch f\u00fcr Erdbeben.<\/p>\n<p>Das heisst, es gibt keine durchschnittlichen Pandemien oder Erdbeben; es gibt wenige sehr grosse Ereignisse und sehr viele kleinere, und es ist unm\u00f6glich, dem Zeitpunkt eines sehr grossen Ereignisses eine Wahrscheinlichkeit zuzuordnen. Das gilt auch f\u00fcr von Menschen verursachte Katastrophen wie Kriege und Revolutionen (die eher katastrophal ablaufen) sowie f\u00fcr Finanzkrisen \u2013 \u00f6konomische Katastrophen, die weniger Tote fordern, aber oft vergleichbar zerst\u00f6rerische Folgen haben.<\/p>\n<p>Katastrophen f\u00fchren in Katastrophen<br \/>\nGeschichte definiert sich auch durch die Tatsache, dass es weit mehr schwarze Schw\u00e4ne gibt, als wir in einer durch Normalverteilung charakterisierten Welt erwarten w\u00fcrden \u2013 ganz zu schweigen von den Ereignissen, die Didier Sornette als \u00abDrachenk\u00f6nige\u00bb bezeichnet und die sich in einer Gr\u00f6ssenordnung abspielen, die sogar noch ausserhalb einer Potenzgesetz-Verteilung liegt. All diese Ereignisse sind keine berechenbaren Risiken \u2013 sie geh\u00f6ren ins Reich der Ungewissheit.<\/p>\n<p>Ausserdem ist die von uns aufgebaute Welt im Lauf der Zeit zu einem immer komplexeren System geworden \u2013 anf\u00e4llig f\u00fcr alle Arten von zufallsbestimmtem Verhalten, nichtlinearen Zusammenh\u00e4ngen und Verteilungskurven mit breiten Ausl\u00e4ufern. Eine Katastrophe von der Art einer Pandemie ist kein einzelnes, pr\u00e4zise abgrenzbares Ereignis. Sie f\u00fchrt unausweichlich zu anderen Katastrophenformen \u2013 \u00f6konomisch, gesellschaftlich und politisch. Es kann zu Kaskaden oder Kettenreaktionen von Katastrophen kommen (was auch oft geschieht). Je st\u00e4rker die Welt vernetzt ist, desto h\u00e4ufiger werden wir das erleben.<\/p>\n<p>Der Umgang mit Katastrophen wird dar\u00fcber hinaus durch die Tatsache erschwert, dass unsere politischen Systeme Personen in F\u00fchrungsrollen bef\u00f6rdern, die gegen\u00fcber den oben geschilderten Herausforderungen besonders ignorant erscheinen: eher Subprime-Prognostiker als Superprognostiker, um den von dem Politwissenschafter Philip Tetlock gepr\u00e4gten Ausdruck zu benutzen.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Fehler<br \/>\nDie Psychologie milit\u00e4rischer Inkompetenz war Gegenstand einer herausragenden Studie von Norman Dixon; \u00fcber die Psychologie politischer Inkompetenz als eines verbreiteten Problems ist weniger geschrieben worden. Einzelne inkompetente Politiker fallen uns problemlos ein. Aber k\u00f6nnen wir allgemeine Formen politischen Fehlverhaltens auf dem Gebiet der Katastrophenvorbereitung und der Schadensminderung ausfindig machen? Hier bieten sich f\u00fcnf Kategorien an:<\/p>\n<p>Unf\u00e4higkeit, aus der Geschichte zu lernen.<\/p>\n<p>Mangel an Vorstellungsverm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Neigung, den letzten Krieg oder die letzte Krise durchzuk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Untersch\u00e4tzen der Gefahr.<\/p>\n<p>Hinausschieben oder auf eine Gewissheit warten, die sich nie einstellt.<\/p>\n<p>Zum Teil ist das ein Problem der Anreize. Anf\u00fchrer werden selten f\u00fcr das belohnt, was sie zur Vermeidung von Katastrophen getan haben \u2013 das Ausbleiben einer Katastrophe ist selten ein Grund f\u00fcr Jubelfeiern und Dankbarkeit \u2013; h\u00e4ufiger wirft man ihnen das Leiden vor, das die von ihnen empfohlenen Vorbeugungsmassnahmen verursachen.<\/p>\n<p>Doch nicht alle Fehler im Umgang mit Katastrophen sind F\u00fchrungsfehler. Oft findet man den eigentlichen Schwachpunkt weiter unten in der Hierarchie der Organisation. So bewies der Physiker Richard Feynman nach der Zerst\u00f6rung der Raumf\u00e4hre Challenger im Jahr 1986, dass der fatale Fehler nicht der Ehrgeiz im Weissen Haus gewesen war, den erfolgreichen Start mit einer Pr\u00e4sidentenrede zusammenfallen zu lassen. Der Grund war, dass B\u00fcrokraten der mittleren Ebene bei der Nasa darauf bestanden hatten, das Risiko eines katastrophalen Fehlers mit 1:100 000 zu bewerten, obwohl die eigenen Ingenieure es mit 1:100 einsch\u00e4tzten.<\/p>\n<p>Die Rolle der gew\u00f6hnlichen Leute<br \/>\nEs zeigt sich, dass dies (ebenso wie Schnitzer an der Spitze) ein Merkmal vieler Katastrophen der Neuzeit ist. Es gibt, wie es der republikanische Kongressabgeordnete Tom Davis nach dem Hurrikan \u00abKatrina\u00bb ausdr\u00fcckte, eine \u00abbreite Kluft zwischen der Erstellung und der Umsetzung von Richtlinien\u00bb. Eine perfekte Illustration dieses Aspekts bietet die Art, in der die Zentren f\u00fcr die Kontrolle und Vorbeugung von Krankheiten das Testen in den fr\u00fchen Phasen der Pandemie vermasselt haben. Und erinnert sich \u00fcberhaupt noch jemand an den Namen des Typs, der im letzten Jahr \u00abAssistant secretary for preparedness and response\u00bb im Gesundheitsministerium war (Robert Kadlec heisst er)? Es heisst, er habe nur eine einzige Aufgabe gehabt . . .<\/p>\n<p>W\u00e4hrend einer Katastrophe kann das Verhalten gew\u00f6hnlicher Leute \u2013 ob in dezentralen Netzwerken oder aufs\u00e4ssigen Menschenmengen \u2013 eine gr\u00f6ssere Rolle spielen als die Entscheidungen von F\u00fchrern oder die von Regierungen erlassenen Anordnungen. Was bringt manche Menschen dazu, sich vern\u00fcnftig auf eine neue Gefahr einzustellen, andere dazu, passive Zuschauer zu bleiben, und manche, sich auf Leugnung oder Revolte zu verlegen? Und warum kann eine Naturkatastrophe schliesslich ein politisches Desaster ausl\u00f6sen, wenn Unzufriedene sich zu einer revolution\u00e4ren Masse zusammentun? Was bringt eine Menge dazu, von Klugheit in Verr\u00fccktheit umzukippen?<\/p>\n<p>Die Antworten findet man in der sich ver\u00e4ndernden Struktur der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re. Denn eine Katastrophe wird nur von einer Minderheit direkt erlebt. Alle anderen erfahren durch irgendein Kommunikationsnetzwerk von ihr.<\/p>\n<p>Sogar im 17. Jahrhundert konnte die aufkommende Massenpresse im Kopf der Leute schon Verwirrung stiften, wie Daniel Defoe herausfand, als er die Pest von 1665 in London erforschte. Das Internet hat das Potenzial f\u00fcr die Verbreitung von Fehlinformation und Desinformation erheblich vergr\u00f6ssert. Das geht so weit, dass wir inzwischen von Zwillingsseuchen im Jahr 2020 sprechen k\u00f6nnen: Eine wurde durch ein biologisches Virus verursacht, eine weitere durch noch ansteckendere virale irrige Vorstellungen und Unwahrheiten. Dieses Problem h\u00e4tte 2020 vielleicht weniger ernst sein k\u00f6nnen, wenn bedeutende Reformen der Gesetze und Vorschriften, mit denen die grossen Technologie-Unternehmen kontrolliert werden sollten, schon vorher umgesetzt worden w\u00e4ren. Doch ungeachtet einer \u00dcberf\u00fclle von Beweisen w\u00e4hrend der Wahl von 2016 daf\u00fcr, dass der Status quo unhaltbar war, hatte man fast nichts unternommen.<\/p>\n<p>Anders gesagt, alle Katastrophen sind in gewissem Umfang politisch aufgebaut, selbst wenn wir manche als nat\u00fcrlich und andere als von Menschen verursacht ansehen. Was sollten wir im Vorfeld der n\u00e4chsten tun? Ich habe f\u00fcnf Vorschl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Was zu tun ist<br \/>\nErstens sollten wir nicht l\u00e4nger versuchen, Katastrophen vorherzusagen oder ihnen gar Wahrscheinlichkeiten zuzuordnen. Von Erdbeben \u00fcber Kriege bis hin zu Finanzkatastrophen \u2013 die herausragenden Zusammenbr\u00fcche der Geschichte folgten einer zufallsbestimmten Verteilung oder Potenzgesetzen. Sie geh\u00f6ren nicht in den Bereich des Risikos, sondern ins Reich der Ungewissheit. Es ist besser, das zuzugeben, anstatt uns mit unerreichbarer und wahrscheinlich irref\u00fchrender Pr\u00e4zision selbst zu t\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Zweitens treten Katastrophen in zu vielen Formen auf, als dass wir sie mithilfe der \u00fcblichen Ans\u00e4tze zur Risikominderung behandeln k\u00f6nnten. Kaum hatten wir unser Denken auf die Gefahr durch den salafistischen Jihad eingestellt, sahen wir uns in einer Finanzkrise, die ihren Ursprung in Schrotthypotheken hatte. Kaum hatten wir erneut begriffen, dass \u00f6konomische Schockerlebnisse dieser Art oft populistische politische Gegenreaktionen nach sich ziehen, f\u00fchrte ein neuartiges Coronavirus ins Chaos. Was kommt als N\u00e4chstes? Das k\u00f6nnen wir nicht wissen. F\u00fcr jedes m\u00f6gliche Unheil gibt es mindestens eine plausible Kassandra. Nicht alle Prophezeiungen k\u00f6nnen beherzigt werden.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren haben wir m\u00f6glicherweise einem Risiko \u2013 dem Klimawandel \u2013 erlaubt, unsere Aufmerksamkeit von anderen abzuziehen. Im Januar 2020, als bereits eine globale Pandemie anlief \u2013 als Flugzeuge mit infizierten Personen von Wuhan aus zu Zielen in aller Welt flogen \u2013, kreisten die Debatten beim Weltwirtschaftsforum fast ausschliesslich um Fragen zur Umweltverantwortung, zu sozialer Gerechtigkeit und Regierungsf\u00fchrung (mit Betonung auf Umwelt).<\/p>\n<p>Die Gefahren, die aus steigenden Globaltemperaturen erwachsen, sind real und potenziell katastrophal, doch der Klimawandel kann nicht die einzige Gefahr sein, auf die wir uns vorbereiten. Es war keine blosse Koinzidenz, dass unter den Orten, die sich 2020 am besten hielten, drei waren \u2013 Taiwan, S\u00fcdkorea und (trotz einem ernsten R\u00fcckschlag im Sommer) Israel \u2013, die sich einer Vielzahl von Gefahren gegen\u00fcbersehen, was existenzielle Bedrohungen durch Nachbarn einschliesst.<\/p>\n<p>Sicherungen m\u00fcssen eingebaut werden<br \/>\nDrittens, je vernetzter die Gesellschaften werden, desto gr\u00f6sser ist die Ansteckungsgefahr \u2013 das betrifft nicht nur die biologische Variante. Eine vernetzte Gesellschaft ben\u00f6tigt gut durchdachte Sicherungen, die in einer Krise die Konnektivit\u00e4t des Netzes rasch verringern k\u00f6nnen, ohne die Gesellschaft vollst\u00e4ndig zu vereinzeln und zu l\u00e4hmen. Jede Katastrophe wird zudem durch Informationsfl\u00fcsse verst\u00e4rkt oder ged\u00e4mpft. 2020 war es Desinformation \u2013 beispielsweise virale falsche Nachrichten \u00fcber Scheintherapien oder sehr sichere Impfstoffe \u2013, die Covid-19 vielerorts verschlimmerte.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber trug die effektive Lenkung von Informationsfl\u00fcssen \u00fcber infizierte Personen und ihre Kontakte dazu bei, in ein paar gut verwalteten Gesellschaften die Pandemie einzud\u00e4mmen. Daraus l\u00e4sst sich nicht schliessen, dass grosse Technologiefirmen noch mehr Macht bekommen sollten, uns zu zensieren und unsere Bewegungen nachzuverfolgen. Wir sollten vielmehr von Audrey Tang lernen, der Ministerin, die damit angefangen hat, die Nutzung von Technologie zur St\u00e4rkung der B\u00fcrger Taiwans einzuf\u00fchren. Das sollte der Weg der Zukunft sein, und nicht Xis \u00dcberwachungsstaat in einem Gross-Ostasien.<\/p>\n<p>Viertens offenbarte Covid-19 ein schweres Versagen der Gesundheitsb\u00fcrokratie in den USA und einigen anderen L\u00e4ndern. Der amerikanische Epidemiologe Larry Brilliant, eine zentrale Figur in der Kampagne zur Ausrottung der Pocken, hat jahrelang erkl\u00e4rt, die Formel f\u00fcr den Umgang mit einer Infektionskrankheit sei \u00abfr\u00fche Erkennung, fr\u00fche Reaktion\u00bb. In Washington und London konnte man genau das Gegenteil beobachten.<\/p>\n<p>W\u00fcrde eine andere Art von Gefahr \u2013 etwa eine schwere Cyberattacke auf unsere kritische Infrastruktur \u2013 eine ebenso pomadige und ineffektive Reaktion hervorrufen? Falls die durch die Pandemie offengelegten Probleme nicht speziell f\u00fcr die Gesundheitsb\u00fcrokratie gelten, sondern allgemein die staatliche Verwaltung betreffen, dann w\u00fcrde das wahrscheinlich so ablaufen. Wie gut k\u00e4me Kalifornien mit \u00abdem ganz grossen\u00bb Erdbeben am Andreas-Graben zurecht, ganz zu schweigen von den Br\u00e4nden, die es entz\u00fcnden w\u00fcrde? Mich schaudert bei dem Gedanken.<\/p>\n<p>Von der Katastrophe zum Aufstand<br \/>\nZuletzt gibt es eine die gesamte Geschichte durchziehende Tendenz, dass in Zeiten akuter gesellschaftlicher Belastung religi\u00f6se oder quasireligi\u00f6se ideologische Impulse gegen rationale Reaktionen erstarken. Wir alle hatten die Gefahr einer Pandemie vorher erwogen, doch eher als Unterhaltung (wie im Film \u00abContagion\u00bb) denn als potenzielle Realit\u00e4t gesehen. Selbst jetzt, wo andere Science-Fiction-Szenarien Wirklichkeit werden \u2013 nicht nur steigende Temperaturen und Klimainstabilit\u00e4t, sondern auch der Aufstieg und die Expansion des chinesischen Polizeistaats, um nur zwei zu nennen \u2013, f\u00e4llt es uns schwer, angemessen und konsequent zu reagieren.<\/p>\n<p>Im Sommer 2020 gingen Millionen Amerikaner in mehr als 300 St\u00e4dten auf die Strasse, um laut und manchmal gewaltt\u00e4tig gegen Polizeibrutalit\u00e4t und systemischen Rassismus zu protestieren. Wie schockierend der Mord, der die Proteste ausgel\u00f6st hat, auch gewesen sein mag \u2013 inmitten der Pandemie einer hochansteckenden Atemwegserkrankung zeigte sich hier Risikoverhalten. Gleichzeitig wurde die rudiment\u00e4re Vorsichtsmassnahme, eine Maske zu tragen, zum Symbol der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gruppe. Die Tatsache, dass in manchen Landesteilen der Kauf einer Schusswaffe beliebter zu sein schien als das Tragen einer Maske, f\u00fchrte vor, dass das Potenzial f\u00fcr eine Katastrophe der \u00f6ffentlichen Ordnung ebenso vorhanden war wie f\u00fcr eine Katastrophe der \u00f6ffentlichen Gesundheit.<\/p>\n<p>Covid-19 ist nicht die letzte Katastrophe, mit der wir in unserem Leben konfrontiert sein werden. Es ist lediglich die letzte nach einer Welle von islamistischem Terrorismus, einer globalen Finanzkrise, einer Abfolge von Staatsversagen, Wellen ungeregelter Migration und einem sogenannten Niedergang der Demokratie. Als N\u00e4chstes ist wahrscheinlich keine Katastrophe dran, die dem Klimawandel zuzuschreiben w\u00e4re, da wir selten die Katastrophe bekommen, die wir erwarten, sondern irgendeine andere Gefahr, die den meisten von uns entgeht.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise ist es ein Stamm Antiobiotika-resistenter Pesterreger, vielleicht aber auch eine massive russisch-chinesische Cyberattacke auf die USA und ihre Verb\u00fcndeten. Es k\u00f6nnte auch ein Durchbruch bei der Nanotechnologie oder bei der Gentechnik sein, der katastrophale Folgen hat. Oder eine k\u00fcnstliche Intelligenz erf\u00fcllt Elon Musks Vorahnungen und reduziert eine intellektuell abgeh\u00e4ngte Menschheit auf den Status \u00abeines biologischen Startprogramms f\u00fcr eine digitale Superintelligenz\u00bb.<\/p>\n<p>Wir wissen einfach nicht, welche von all den m\u00f6glichen k\u00fcnftigen Katastrophen zuschlagen wird und wann das geschieht. Wir k\u00f6nnen nichts weiter tun, als aus der Geschichte zu lernen, wie sich gesellschaftliche und politische Strukturen errichten lassen, die zumindest resilient und im besten Fall antifragil sind; wie der Abstieg in ein Chaos der Selbstgeisselung zu vermeiden ist, das so oft f\u00fcr Gesellschaften kennzeichnend ist, die von einer Katastrophe \u00fcberw\u00e4ltigt werden, und wie wir den Sirenenges\u00e4ngen widerstehen k\u00f6nnen, die eine totalit\u00e4re Herrschaft oder eine globale Regierung als notwendige Voraussetzung vorschlagen, um unsere ungl\u00fcckselige Spezies und unsere verletzliche Welt zu retten.<\/p>\n<p>Niall Ferguson ist Senior Fellow am Zentrum f\u00fcr europ\u00e4ische Studien in Harvard und forscht gegenw\u00e4rtig als Milbank Family Senior Fellow an der Hoover Institution in Stanford, Kalifornien. Der obenstehende Essay wurde f\u00fcr Bloomberg Opinion verfasst \u2013 er erscheint hier exklusiv im deutschen Sprachraum. Wir danken Bloomberg f\u00fcr die M\u00f6glichkeit des Wiederabdrucks. \u2013 Aus dem Englischen \u00fcbersetzt von Helmut Reuter.&#8220;<\/p>\n<p>https:\/\/www.msn.com\/de-de\/nachrichten\/welt\/die-pandemie-ist-noch-nicht-vorbei-doch-die-n%C3%A4chste-globale-katastrophe-ist-auf-dem-weg-und-wir-sind-nicht-bereit\/ar-AAKF2WS?ocid=msedgntp<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr werdet es noch erleben * &#8222;Neue Z\u00fcrcher Zeitung Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Doch die n\u00e4chste globale Katastrophe ist auf dem Weg \u2013 und wir sind nicht bereit Niall Ferguson vor 1 Std. Corona hat gezeigt: Es gibt kaum noch einen Unterschied zwischen Natur- und menschengemachten Katastrophen. 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