{"id":172518,"date":"2024-05-30T13:31:09","date_gmt":"2024-05-30T13:31:09","guid":{"rendered":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/?p=172518"},"modified":"2024-05-30T23:26:53","modified_gmt":"2024-05-30T23:26:53","slug":"die-politik-und-der-notorisch-sparsame-umgang-mit-der-wahrheit-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/?p=172518","title":{"rendered":"### !!! >>> DIE Politik und der notorisch sparsame Umgang mit der Wahrheit <<< !!! ###"},"content":{"rendered":"<p>KULTUR<br \/>\n<strong>&#8222;Aus dem Grab kann ich frei reden&#8220;<\/strong><br \/>\nVer\u00f6ffentlicht am 05.01.2011 | Lesedauer: 7 Minuten<br \/>\nWELT Autorenfoto f\u00fcr Kolumnen Kombo<br \/>\nVon Hannes Stein<br \/>\nFreier Korrespondent<\/p>\n<p>Mark Twains Autobiografie ist in Amerika zum \u00dcberraschungserfolg geworden<br \/>\nDer Autor von &#8222;Tom Sawyer&#8220; war in Vielem Avantgarde. Er war der erste politische Schriftsteller in der modernen Bedeutung des Wortes<\/p>\n<p>Erinnert sich noch jemand an den Morris-Zwischenfall, der einst ganz Amerika in Atem hielt, der Anlass f\u00fcr Sondersitzungen im Senat und im Repr\u00e4sentantenhaus war? Der fragliche Zwischenfall ereignete sich wie folgt. Eine gewisse Mrs. Morris, eine betuchte Dame von einigem Einfluss, schaute im Wei\u00dfen Haus vorbei und w\u00fcnschte den Pr\u00e4sidenten zu sprechen. Sein Sekret\u00e4r &#8211; ein gewisser Mr. Barnes &#8211; sagte, das sei leider nicht m\u00f6glich und wollte au\u00dferdem wissen, worum es sich denn handle.<\/p>\n<p>Mrs. Morris erkl\u00e4rte, ihr Mann sei von seinem Beamtenposten enthoben worden, und sie w\u00fcnsche, dass der Pr\u00e4sident sich seines Falles annehme. Sie weigerte sich strikt, das Wei\u00dfe Haus zu verlassen. Mr. Barnes, der Sekret\u00e4r, winkte daraufhin ein paar Polizisten vorbei, und die entfernten Mrs. Morris mit handgreiflicher Gewalt vom Grundst\u00fcck, wobei ihre R\u00f6cke durch den Schlamm gezogen wurden. Sie wurde f\u00fcr geistig unzurechnungsf\u00e4hig erkl\u00e4rt, musste f\u00fcnf Dollar Strafe zahlen und lag hinterher mit einem schweren Schock in ihrem Hotelzimmer in Washington.<\/p>\n<p>Es ist keine Schande, wenn Sie, gesch\u00e4tzter Leser, noch nie etwas vom Morris-Zwischenfall geh\u00f6rt haben. Auch wir hatten nicht einmal eine blasse Ahnung von ihm, ehe wir den ersten Band der Autobiografie von Mark Twain gelesen hatten &#8211; ein Riesentrumm von Buch, das dieser Tage zu einem \u00dcberraschungserfolg auf dem amerikanischen Buchmarkt wurde: Die Leute st\u00fcrzen sich mit Hei\u00dfhunger auf dieses Monstrum und verschlingen es mit Haut und Haar.<\/p>\n<p>Der Morris-Zwischenfall, vermerkte Mark Twain anno 1906, &#8222;hat die russische Revolution aus dem Blickfeld verschwinden lassen&#8220; (er meint die allererste, die vom Zaren zusammengeschossen wurde), &#8222;das Geheimnis von China und den ganzen Rest&#8220;. Er f\u00fcgt den Morris-Zwischenfall als ein Beispiel von &#8222;Nachrichten&#8220; in seinen Text ein, &#8222;Nachrichten&#8220; im Gegensatz zu &#8222;Geschichte&#8220;. Das eine ist das, was bleibt, das andere ist das, was verschwindet.<\/p>\n<p>Mark Twain hatte verschiedene Male zu einer Autobiografie angesetzt, jedes Mal war er gescheitert. Er hatte es mit der braven, der chronologischen Methode versucht: Geboren dann-und-dann, Kindheit in den S\u00fcdstaaten vor dem B\u00fcrgerkrieg, Leben auf dem Mississippi, und jedes Mal kam leider der Moment, wo sein Projekt blubbernd im Sumpf der Langeweile unterging. Twain machte gerade Urlaub in Florenz, als er pl\u00f6tzlich wusste, wie er es machen musste: &#8222;Beginne an irgendeinem Zeitpunkt deines Lebens&#8220;, notierte er, &#8222;durchwandere es, wie dir gerade lustig ist, rede ganz offen nur \u00fcber das, was dich im Moment interessiert, und lasse das Thema fallen, sobald es anf\u00e4ngt, schal zu werden.&#8220;<\/p>\n<p><strong>In seinem Testament verf\u00fcgte er, dass seine Aufzeichnungen erst hundert Jahre nach seinem Tod ver\u00f6ffentlicht werden d\u00fcrften; deswegen kommen sie ausgerechnet jetzt auf den Markt (Twain starb im April 1910). &#8222;Ich spreche aus dem Grab&#8220;, hei\u00dft es im Vorwort. &#8222;Ich spreche aus dem Grab statt mit meiner lebendigen Zunge aus gutem Grund: So kann ich frei reden.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Freilich handle es sich bei seiner Autobiografie nicht um Aufzeichnungen, die von der Rachelust angetrieben seien. &#8222;Wenn ich unter jemanden ein Feuer anz\u00fcnde&#8220;, so Twain, &#8222;dann verfahre ich nicht nur des Vergn\u00fcgens wegen so, das es mir bereitet, diesen Menschen braten zu sehen, sondern weil er die M\u00fche lohnt. Es handelt sich also um ein Kompliment, eine Auszeichnung; m\u00f6ge der Betreffende dankbar sein und den Mund halten. Die Kleinen, Gemeinen, Unw\u00fcrdigen brate ich nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Twain hat diese Autobiografie nicht geschrieben. Er hat sie einem Sekret\u00e4r in die Feder diktiert. F\u00fcr das, was er beim Diktieren tat, wissen wir Heutigen einen Fachausdruck: Mark Twain bloggte. Der Leser nimmt dieses dicke Buch wirklich genau so zu sich, wie man einen Blog konsumiert. Er taucht in den Text ein und taucht aus ihm wieder auf, er scrollt, pardon: er bl\u00e4ttert vor und zur\u00fcck, er trifft auf eingeklebte Zeitungsartikel von Anno Schnee. Nichtigkeiten und Wichtigkeiten sch\u00f6n ungeordnet nebeneinander gestellt.<\/p>\n<p>Eigentlich auf jeder Seite findet der Leser irgendein brillant geschliffenes Kleinod, etwas, wor\u00fcber er lachen kann. Hier etwa sind &#8211; apropos von gar nichts &#8211; Mark Twains Anmerkungen zum modernen Wellnesskult: &#8222;Schade, dass die Welt so viele gute Sachen wegwirft, nur weil sie ungesund sind. Ich bezweifle stark, dass Gott uns irgendeine Erfrischung gegeben hat, die ungesund ist, wenn man sie mit M\u00e4\u00dfigung zu sich nimmt &#8211; au\u00dfer Bazillen. Und trotzdem gibt es Leute, die sich alles Essbare, Trinkbare und Rauchbare versagen, das sich einen schlechten Ruf erworben hat. Diesen Preis zahlen sie f\u00fcr ihre Gesundheit. Und Gesundheit ist dann auch alles, was sie daf\u00fcr bekommen. Alles sehr seltsam &#8211; als w\u00fcrde man sein ganzes Verm\u00f6gen f\u00fcr eine Kuh ausgeben, die keine Milch mehr gibt.&#8220; Wahrscheinlich schmauchte er gerade eine Zigarre, w\u00e4hrend er das vor sich hinsagte.<\/p>\n<p>Mark Twain war l\u00e4ngst ber\u00fchmt, als er seine Autobiografie mit Hilfe eines Sekret\u00e4rs auf Papier bloggte. Die meisten amerikanischen Jugendlichen hatten seinen &#8222;Tom Sawyer&#8220; gelesen, die Erwachsenen lachten sich schief \u00fcber den &#8222;Yankee aus Connecticut an K\u00f6nig Arthurs Hof&#8220;, und vielleicht d\u00e4mmerte es manchen Leuten beim Lesen sogar, dass der &#8222;Huckleberry Finn&#8220; viel mehr war als die Fortsetzung des &#8222;Tom Sawyer&#8220;, dass sie hier einen erstaunlichen, einen jahrhundertgro\u00dfen Roman in den H\u00e4nden hielten. Twain ist eigentlich derjenige, der die amerikanische Literatur erfunden hat. Gewiss, auch vor ihm gab hatte es schon amerikanische Schriftsteller gegeben: Hawthorne, Poe, Melville. Aber die schrieben alle Englisch. Mark Twain war der Erste, der amerikanisches Englisch schrieb, der sein Epos also ganz ungeniert im ungewaschenen Slang der S\u00fcdstaaten komponierte, und zwar vom ersten Satz an: &#8222;You don&#8217;t know about me without you have read a book by the name of &#8218;The Adventures of Tom Sawyer&#8216;, but that ain&#8217;t no matter.&#8220;<\/p>\n<p>Im Ausland galt Twain als der Amerikaner par excellence. Er wurde herumgereicht und bestaunt und bewundert, er galt als am\u00fcsant und unterhaltsam, ein Paradiesvogel. In Amerika war Mark Twain ein scharfer Kritiker der Regierung. Amerikanische Soldaten f\u00fchrten damals auf den Philippinen einen Kolonialkrieg, der so schmutzig und blutig und grausam war, wie Kolonialkriege das gemeinhin zu sein pflegen. General Otis&#8216; Truppe massakrierte zehntausende, vielleicht sogar hunderttausende Zivilisten. Aus gerechtem Zorn \u00fcber diesen Krieg hatte Mark Twain die &#8222;Antiimperialistische Liga&#8220; gegr\u00fcndet. In seinen Erinnerungen spricht Twain sarkastisch \u00fcber jenen gl\u00e4nzenden milit\u00e4rischen Sieg, den eine mit modernen Feuerwaffen ausger\u00fcstete amerikanische Truppe \u00fcber 600 &#8222;moros&#8220; errang, muslimische M\u00e4nner, Frauen und Kinder, die mit Kn\u00fcppeln und Krumms\u00e4beln bewaffnet waren und sich in einem Vulkankessel verschanzt hatten. Keiner von ihnen \u00fcberlebte. &#8222;&#8218;Schl\u00e4chterei&#8216; ist ein treffendes Wort&#8220;, bloggte er dazu. &#8222;Ganz gewiss gibt es kein besseres im W\u00f6rterbuch.&#8220;<\/p>\n<p>Mark Twain geh\u00f6rte in vieler Hinsicht zur Avantgarde. Er war wohl der erste Schriftsteller, der eine Schreibmaschine benutzte, der erste, der ein Weltstar wurde, der erste, dessen Haus in Hartford, Connecticut, \u00fcber ein modernes Abwasser- und R\u00f6hrensystem verf\u00fcgte. Er war auch der erste politische Schriftsteller in der modernen Bedeutung des Wortes.<\/p>\n<p>Nach der Lekt\u00fcre seiner Autobiografie ist es vielleicht an der Zeit, ein Urteil zu \u00fcberdenken, das George Orwell \u00fcber Mark Twain gef\u00e4llt hat. Dieser habe zu einer Zeit geschrieben, als die kapitalistische Demokratie, wenigstens f\u00fcr die wei\u00dfen Amerikaner, noch unb\u00e4ndige Freiheit bedeutete. &#8222;Wenigstens ein paar Jahrzehnte lang machte das Leben in Amerika mehr Spa\u00df als in Europa &#8211; es war mehr los, es gab mehr Farben, mehr Abwechslung, mehr M\u00f6glichkeiten &#8211; und die B\u00fccher und Lieder aus jener Epoche bl\u00fchen irgendwie, sie haben eine kindliche Qualit\u00e4t.&#8220; Aber bald nach dem B\u00fcrgerkrieg habe der Abstieg begonnen. Massen von verarmten Europ\u00e4ern f\u00fcllten den Kontinent. Die Gro\u00dfindustrie trat ihren Siegeszug an; und Mark Twains Karriere sei ein Symptom f\u00fcr diesen Niedergang. &#8222;Aus ihm h\u00e4tte ein Zerst\u00f6rer des Unsinns und ein Prophet der Demokratie werden k\u00f6nnen, weit wertvoller als Walt Whitman, weil er ges\u00fcnder war und mehr Humor hatte. Stattdessen wurde er eine zwielichtige Existenz, eine &#8218;\u00f6ffentliche Figur&#8216;, die von Passbeamten umschmeichelt und von k\u00f6niglichen Hoheiten unterhalten wird&#8230;&#8220; Twain sei zum Hofnarren der Herrschenden degeneriert. Sein Grundfehler: Er habe die Macht und den Erfolg angebetet.<\/p>\n<p>Aber jetzt, wo wir Mark Twains Autobiografie lesen k\u00f6nnen, erkennen wir: W\u00e4hrend der Hofnarr den Zirkus, der um ihn veranstaltet wurde, in vollen Z\u00fcgen genoss, hat er den Zirkusdirektor ganz offen verachtet. Er war im Grunde gar nicht so anders als die verr\u00fcckte Mrs. Morris, die von Polizisten aus dem Wei\u00dfen Haus getragen wurde, w\u00e4hrend ihre R\u00f6cke durch den Schmutz schleiften.<\/p>\n<p>Mark Twain: The Autobiography of Mark Twain, Volume 1. Hrsg. von Harriet Elinor Smith u.a.The University of California Press. Berkeley, Los Angeles und London 2010. 736 S., ca. 19,22 $.&#8220;<\/p>\n<p>https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article11978889\/Aus-dem-Grab-kann-ich-frei-reden.html<\/p>\n<p>Wie sie den Worten Mark Twains entnehmen k\u00f6nnen\u2026<br \/>\nWar es schon IMMER ein Problem\u2026<br \/>\nSich\u2026<br \/>\nEine eigene Meinung zu leisten.<\/p>\n<p>Auch und GERADE in AMerika,<br \/>\nSich der unverbl\u00fcmten Wahrheit zu widmen.<\/p>\n<p>DIE bedingungslose, absolute Macht WIRD es weitergehen?<br \/>\nNa mal sehen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KULTUR &#8222;Aus dem Grab kann ich frei reden&#8220; Ver\u00f6ffentlicht am 05.01.2011 | Lesedauer: 7 Minuten WELT Autorenfoto f\u00fcr Kolumnen Kombo Von Hannes Stein Freier Korrespondent Mark Twains Autobiografie ist in Amerika zum \u00dcberraschungserfolg geworden Der Autor von &#8222;Tom Sawyer&#8220; war in Vielem Avantgarde. 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