{"id":143365,"date":"2023-08-10T19:50:20","date_gmt":"2023-08-10T19:50:20","guid":{"rendered":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/?p=143365"},"modified":"2023-08-10T19:52:24","modified_gmt":"2023-08-10T19:52:24","slug":"143365","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/?p=143365","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Verrat &#8211; Das grosse Tabu<br \/>\n-Im Reich der r\u00e4udigen Hunde<br \/>\nVon den Schrecken und der Faszination einer (a)sozialen Handlung<\/p>\n<p>Tiere k\u00f6nnen nicht verraten. Diese F\u00e4higkeit ist dem Menschen eigen, sie geh\u00f6rt wie das bewusste T\u00e4uschen, das L\u00fcgen und Hintergehen zu seiner psychosozialen Grundausstattung. Dabei m\u00e4stet sich der Verr\u00e4ter an Wahrheit und Vertrauen, indem er als Parasit des Sozialen N\u00e4he und Loyalit\u00e4t vort\u00e4uscht und missbraucht. Er gilt daher als Zerst\u00f6rer jeden gesellschaftlichen Zusammenhalts.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Ausbeutung des Vertrauens, des Grundstoffs aller Gemeinschaft, gibt es ein aktuelles Beispiel \u2013 jene Stasi-Agenten, die die Aufgabe hatten, alleinstehende Chefsekret\u00e4rinnen aus Bonner Ministerb\u00fcros in ein Liebesverh\u00e4ltnis zu verstricken und schlie\u00dflich zur Beschaffung geheimer Informationen zu bewegen. \u00abUnternehmen Romeo\u00bb nannte das Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit in geheimdienstlich-zynischer Manier dieses Vorgehen, das Elisabeth Pfister in ihrer gleichnamigen Dokumentation beschreibt.<\/p>\n<p>Scham und Schuld bedr\u00e4ngen nicht nur jene, die zum Verrat gezwungen wurden. Das Bewusstsein, verraten worden zu sein, peinigt und traumatisiert auch die Opfer. Von solchen existenziellen Versehrungen zeugen viele Berichte von Opfern, die entdecken mussten, dass sie von Freunden, Verwandten, Ehepartnern bespitzelt worden waren.<\/p>\n<p>Die Verst\u00f6rungen wirken tief, wie etwa bei Uwe Johnson, dessen Frau offenbar jahrelang ein Verh\u00e4ltnis mit einem Angeh\u00f6rigen des tschechischen Geheimdienstes hatte, der ihn ausforschen sollte. Pers\u00f6nliche Treulosigkeit, Liebesverrat und politische Bespitzelung fielen hier zusammen und bewirkten beim Autor eine jahrelange Schreibblockade, aus der er sich erst mit der \u00abSkizze eines Verungl\u00fcckten\u00bb, dem Bericht \u00fcber die Ermordung der verr\u00e4terischen Ehefrau eines Dr. J. Hinterhand, m\u00fchsam befreien konnte: \u00abEr (Hinterhand) sei mit einer Art von Entsetzen gefragt worden, wie denn er sich habe einlassen k\u00f6nnen auf einen anderen Menschen so ganz und gar, ohne einen Teil der eigenen Person in einem Versteck zu halten!, worauf er schon aus Verst\u00e4ndigkeit zugestanden habe, er sei in der Tat auf der Strecke geblieben mit seinem Entwurf von einer Liebe sonder Vorbehalt.\u00bb Die Verst\u00f6rung des Verratenen ist gro\u00df, weil im Vertrauensbruch die Grundordnung jeglicher menschlichen Existenz zerst\u00f6rt wird.<\/p>\n<p>Auf dem Verrat liegt ein schwerer Makel, zu ihm muss man in der Regel verf\u00fchrt, gekauft oder erpresst werden. Weder Gesellschaft noch Politik k\u00f6nnen ihn ignorieren. Entsprechend schwer wird er bestraft. Dem FBI-Beamten Robert Hanssen, der k\u00fcrzlich in den USA wegen Spionage f\u00fcr Russland verhaftet wurde, droht die Hinrichtung \u2013 und das zehn Jahre nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, da doch die Hysterien des Kalten Krieges abgeflaut sind.<\/p>\n<p>Hanssens m\u00f6gliches Ende ist keine Ausnahme beim \u00abzweit\u00ad\u00e4ltesten Beruf der Welt\u00bb, wie etwa Margret Boveris bis heute g\u00fcl\u00adtige Universalgeschichte des \u00abVerrats im 20. Jahrhundert\u00bb beweist. Und wer nicht den leiblichen Tod erleidet oder im Kerker verkommt, der stirbt sozial. Wir kennen viele Berichte jener, die Gesinnungsgenossen denunzierten und als \u00abKronzeugen\u00bb auftraten, entweder durch Haft und Folter dahin getrieben oder infolge freiwilligen Sinneswandels. Alle dr\u00fccken das Leid der Stigmatisierten nach<br \/>\nihrer Konversion aus, mit denen der Rest der Gesellschaft nichts mehr zu tun haben will. Und diese Verachtung bestimmt auch das Selbstbild des Verr\u00e4ters aus niedrigen Beweggr\u00fcnden wie Geld oder Furcht, h\u00e4lt er doch seine eigene Isolation f\u00fcr gerecht.<\/p>\n<p>Sehr viel besser kommt mit seinem Seitenwechsel derjenige zurecht, der glaubt, im Verrat wenigstens sich selbst treu geblieben zu sein. Daf\u00fcr steht die Lebensgeschichte des Klaus Fuchs, \u00fcber den es leider immer noch keine deutschsprachige Biografie gibt. Fuchs, 1911 geboren, schloss sich als Student der Mathematik und Physik der KPD an und machte nach seiner Emigration nach England und dem Erwerb der britischen Staatsb\u00fcrgerschaft schnell akademische Karriere. Sie trug ihn bis in die Forschungslabors von Los Alamos, wo in geheimer englisch-amerikanischer Kooperation die Atombombe entwickelt wurde. Von dort informierte er die Sowjetunion \u00fcber alle Entwicklungsfortschritte. 1950 wurde Fuchs enttarnt und in England zu einer langen Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilt; aber er selbst sah sich nie als Verr\u00e4ter. Er betonte im Gegenteil die Kontinuit\u00e4t seiner politischen \u00dcberzeugungen. Nach Verb\u00fc\u00dfung seiner Haft lie\u00df er sich folgerichtig in der DDR nieder, wo er in der Nuklearforschung arbeitete und 1988 starb.<\/p>\n<p>Wer nicht das Gl\u00fcck hatte, im un\u00fcbersichtlichen Gel\u00e4nde von Staatsb\u00fcrgerschaften und politischen Bindungen Loyalit\u00e4t unabh\u00e4ngig von Pass und Wohnort beanspruchen zu k\u00f6nnen, dem blieb nur ein Weiterleben in Selbsthass und Bu\u00dfritualen oder der Selbstmord. Daf\u00fcr, dass Verrat nicht gelebt werden kann, steht die Figur des biblischen Judas Ischariot, zur Metapher geworden f\u00fcr die verachtenswerte K\u00e4uflichkeit des Untreuen und seine existenzielle Ausweglosigkeit. An ihn und seine \u00ab30 Silberlinge\u00bb erinnert Karol Sauerland in seiner neuen vergleichenden Studie \u00fcber die Denunziation. Zum Verrat geh\u00f6rt, dass auch dessen Auftraggeber den Verr\u00e4ter gering sch\u00e4tzen. So teilt er das Schicksal der Prostituierten, die benutzt und verachtet werden.<\/p>\n<p>Die Faszination des Seitenwechsels<br \/>\nDoch der Verr\u00e4ter ist nicht nur ein Gezeichneter, er ist auch ausgezeichnet, weil er in seinem Treubruch \u00fcber ein zweites Geheimnis verf\u00fcgt. Als Schmarotzer von Loyalit\u00e4tserwartungen hat er Teil am Geheimnis der von ihm Verratenen, und gleichzeitig besitzt er weitgehend allein das Wissen von seinem Doppelspiel. Vor allem vom ideologisch legitimierten und bewusst begangenen politischen Verrat geht eine doppelte Faszination aus. Da ist zuerst die Anziehungskraft auf den Verr\u00e4ter selbst. Im verborgenen Engagement gegen die eigene Seite erf\u00e4hrt er nicht nur den Reiz des riskanten Spiels mit Identit\u00e4ten und Tarnungen, sondern auch die Macht der Besonderheit. Im Geheimnisbruch als spezifischer Form des Verrats steigt er auf zum Herrscher zweier arkaner R\u00e4ume und verf\u00fcgt \u00fcber zwei Orte des Geheimnisses: Zum einen bewegt er sich als loyaler Gefolgsmann seiner Seite, und zum anderen lebt er in der Welt seines Vertrauensbruchs.<\/p>\n<p>Hinzu tritt das Pathos der Konversion. Der Verr\u00e4ter wird ja nicht als solcher geboren. Er entscheidet sich in einer bestimmten sozialen, politischen, historischen Situation gegen gesellschaftlich und staatlich definierte Loyalit\u00e4tsbindungen. Diese Entscheidung symbolisiert auch im Selbstbild des Seitenwechslers Kraft und Gr\u00f6\u00dfe. Im Verrat wird der Einzelne scheinbar zum Herrn \u00fcber Geschichte und Politik.<\/p>\n<p>Die Vorstellung, im Verrat F\u00fchrungstugenden, Mut, Entscheidungskraft, Nervenst\u00e4rke f\u00fcr die richtige politische Sache einsetzen zu k\u00f6nnen, hat in den vierziger und f\u00fcnfziger Jahren des 20. Jahrhunderts die britischen Dandy-Spione Donald Maclean, Guy Burgess oder Kim Philby angetrieben, zu den Sowjets \u00fcberzulaufen und sich in den Dienst Stalins zu stellen. Sie alle waren Oberschicht-Verr\u00e4ter \u2013 an den Eliteschulen von Eton und \u00abOxbridge\u00bb erzogene Diplomaten wie Burgess und Maclean, hochrangige Geheimdienst-Beamte wie Philby oder gar, wie Anthony Blunt, Verwalter der k\u00f6niglichen Gem\u00e4lde\u00adgalerien und dadurch Mitglied des k\u00f6niglichen Haushalts. Jahrelang hatten sie ihren sowjetischen Auftraggebern geheime Informationen zugetragen, ehe sie ihrer drohenden Enttarnung zuvorkamen und sich nach Moskau absetzten, wo sie mit hohen milit\u00e4rischen Orden als \u00abKundschafter des Friedens\u00bb ausgezeichnet wurden.<\/p>\n<p>Das Schicksal der britischen \u00abMaulw\u00fcrfe\u00bb ist beispielhaft f\u00fcr die Verbindung von Schrecken und Faszination des Verrats. Sie konvertierten zum sowjetischen Sozialismus, weil sie an der Schw\u00e4che der britischen Innen- und Au\u00dfenpolitik verzweifelten. Erzogen als Gentlemen, also bestimmt zur sozial-patriarchalen F\u00fchrung von Gesellschaft und Staat, sahen sie sich in ihrem Land mit Chaos, Machtverfall und F\u00fchrungsschw\u00e4che konfrontiert. Die b\u00fcrgerliche Gesell\u00adschaft schien ihnen wegen ihrer schreienden sozialen Ungleichheit und ihrer \u00f6konomischen Krisen zum Untergang verurteilt, die Weltwirtschaftskrise der drei\u00dfiger Jahre best\u00e4tigte ihnen den Zusam\u00admen\u00adbruch der alten Welt. Diesen innenpolitischen Konflikten entsprach das feige Appeasement nach au\u00dfen \u2013 die englische Beschwichtigungspolitik gegen\u00fcber den faschistischen M\u00e4chten Deutschland, Italien und Japan.<\/p>\n<p>Verglichen damit bot sich die Sowjetunion als eine Ordnungs\u00admacht an, die nach innen den menschlichen Fortschritt in allen Bereichen vorantrieb und in der Au\u00dfenpolitik einen klaren antifaschistischen Kurs steuerte. Selbst den Hitler-Stalin-Pakt deuteten die britischen Nobelspione noch als geschicktes Man\u00f6ver, um Zeit zu gewinnen f\u00fcr die Entscheidungsschlacht mit dem Faschismus.<\/p>\n<p>Burgess und Blunt bereisten in den drei\u00dfiger Jahren die UdSSR und wurden sogar, wie Burgess immer behauptete, von Stalin pers\u00f6nlich empfangen. In Russland gab es weder Arbeitslosigkeit noch Alkoholismus und Homosexualit\u00e4t \u2013 das freute Blunt und Burgess weniger; Vergewaltigung und Kindesmissbrauch waren unbekannt, angeblich wegen der fortschrittlichen Sexualerziehung. Kurz: Die Sowjetunion versprach die Rettung aller M\u00fchseligen und Beladenen. Nur in der fr\u00f6hlichen Naivit\u00e4t einiger Aufkl\u00e4rer des 18. Jahrhunderts finden sich \u00e4hnliche Hoffnungen auf ein Ende allen menschlichen Ungl\u00fccks.<\/p>\n<p>Der Magnetismus der Gl\u00fccksversprechungen<br \/>\nDie Rede vom \u00abJahrhundert des Verrats\u00bb wird jetzt deutlicher. Denn eine solche Konstellation von Loyalit\u00e4tsbindungen angesichts antagonistischer Gesellschaftssysteme und ihrer jeweiligen Gl\u00fccksversprechungen hat es vorher nicht gegeben. Das B\u00fcndnis gegen Hitler verst\u00e4rkte diesen Magnetismus noch. Der gemeinsame Antifaschismus erleichterte den \u00dcbertritt aus der verfallenden b\u00fcrgerlichen Gesellschaft in die sowjetische Zukunft. Im politischen Seitenwechsel findet der Einzelne neuen Sinn und neue St\u00e4rke.<\/p>\n<p>An dieser Stelle wird auch verst\u00e4ndlich, warum im britischen Laboratorium des Verrats kaum jemand mit einem Seitenwechsel zu den Faschisten experimentierte, wenn man von den sp\u00e4tpubertierenden Mitford-Schwestern Unity Valkyrie und Diana absieht, die als Oberschicht-Girls germanophil erzogen worden waren, von Wagner tr\u00e4umten und kurzzeitig mit Hitler flirteten. Politisch konnte der Faschismus keine globalen Gl\u00fccksversprechen machen, sondern allen anderen nur Unterdr\u00fcckung und Ausl\u00f6schung prophezeien. Ins Lager der Deutschen liefen nur die wenigen \u00fcber, die England hassten. Wie etwa jener William Joyce, der aus den USA nach Gro\u00dfbritannien einwanderte, sich dort nicht zurechtfand, sich als \u00abLord Haw-Haw\u00bb w\u00e4hrend des Weltkriegs mit anti-britischen Propaganda-Sendungen aus Berlin einen fatalen Namen machte und daf\u00fcr 1946 in England hingerichtet wurde. Aber Joyce war eine mittelm\u00e4\u00dfige Figur, voller Ressentiments, mit der \u00abfalschen\u00bb Schulausbildung und dem \u00abfalschen\u00bb Akzent \u2013 \u00abvery un-British\u00bb.<\/p>\n<p>Dass die pro-sowjetischen Verr\u00e4ter der Oberschicht entstammten, hat die britische \u00d6ffentlichkeit hart getroffen. Zwar hingen Burgess, Maclean und Philby nach ihrer Flucht in die Sowjet\u00adunion immer noch nostalgisch an England und lie\u00dfen sich sogar ihre ehemaligen Schulschlipse nachschicken, gleichwohl hielt die englische \u00d6ffentlichkeit ein Scherbengericht \u00fcber sie, als ihr das ganze Ausma\u00df des Verrats bewusst wurde. Die Verfemung traf diejenigen, die nicht geflohen waren. \u00abDer Unber\u00fchrbare\u00bb, John Ban\u00advilles Schl\u00fcsselroman zur Blunt-Aff\u00e4re, dekodiert die Angstlust des Verrats in ihrer Mischung aus \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl und Angst vor Entlarvung: \u00abSo am Pranger zu stehen, in aller \u00d6ffentlichkeit, das ist schon seltsam. Ein Flattern in der Zwerchfellgegend und ein Gef\u00fchl, als ob man am ganzen Leibe zittert, als ob sich das Blut schwer wie Quecksilber direkt unter der Haut entlangw\u00e4lzt. Eine Mischung aus Aufregung und Entsetzen, starker Tobak. Anfangs bin ich nicht darauf gekommen, woran mich dieser Zustand erinnert, dann fiel es mir ein: an meine ersten n\u00e4chtlichen Streifz\u00fcge, nachdem ich mir endlich den Hang zum eigenen Geschlecht eingestanden hatte. Derselbe hei\u00dfe Schauer von Vorahnung und Angst, dasselbe verzweifelte Grinsen, das sich nicht heraustraut.\u00bb<\/p>\n<p>Ein Wechsel des Fu\u00dfballklubs kann t\u00f6dlich sein<br \/>\nDie widerwillig zugegebene Attraktion des Verrats pr\u00e4gt auch die Gesellschaft, die von ihm versehrt wird, schockiert und fasziniert sie. Die Verratsliteratur f\u00fcllt ganze Bibliotheken. Ihre Anziehungskraft r\u00fchrt auch daher, dass der Verrat vermeintlich gesicherte Loyalit\u00e4ten in Frage stellt. Der Verratsdiskurs dreht sich immer um gesellschaftliche und politische Selbstvergewisserung, er will erkl\u00e4ren, warum diese Erwartung entt\u00e4uscht wird. Die faszinierende Angstlust am Loyalit\u00e4tswechsel hat also zwei Seiten: eine individuelle, die den Verr\u00e4ter betrifft, und eine \u00f6ffentliche, die den Staat und die Gesellschaft ber\u00fchrt. Erst die Untersuchung dieses Doppel-Aspekts erm\u00f6glicht es, die Frage nach der Bedeutung des Verrats zu beantworten.<\/p>\n<p>Was als Verrat wahrgenommen wird, ist von der Mechanik der eigentlichen Verratshandlung relativ unabh\u00e4ngig. Der gesellschaftliche Diskurs greift nicht nur reale Verratsf\u00e4lle auf, sondern produziert auch selbst ihre \u00abSchwere\u00bb und \u00abBedrohlichkeit\u00bb. Der Verrat als soziale Konstruktion erscheint losgel\u00f6st von den Handlungen des Einzelnen. Politische Herrschaft brandmarkt den Abweichler als Verr\u00e4ter und macht sich dann sein Stigma der Asozialit\u00e4t zunutze, um Gefolgschaft herzustellen. Der staatlich erhobene Vorwurf des Verrats wird zur Instanz gesellschaftlicher Uniformierung.<\/p>\n<p>Diese Loyalit\u00e4tsmaschine zieht auch solche in ihr Mahlwerk, die sich in den Augen der Disziplinarmacht nur \u00abfalsch\u00bb verhalten haben. Wer einfach nur das Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu<br \/>\nsein, kann dem Verratsvorwurf verfallen und schwebt in Lebensgefahr. So beging der Fu\u00dfballer Lutz Eigendorf keine andere S\u00fcnde wider die Gefolgschaftserwartungen seiner Oberen als diese: Er verlie\u00df 1979 den Lieblingsklub Erich Mielkes, den BFC Dynamo Berlin, und floh in die Bundesrepublik, um hinfort f\u00fcr Kaiserslautern und Braunschweig zu spielen. Heribert Schwan kann jetzt nach Auswertung der Gauck-Akten zeigen, dass Eigendorfs Unfalltod im Jahr 1983 offenbar eine Mord-Aktion der Stasi war. Der Verrat f\u00fchrt also ein Eigenleben als politische Phantasie.<\/p>\n<p>Phantasien vom Reich des B\u00f6sen<br \/>\nF\u00fcr das 20. Jahrhundert bilden die Gro\u00dfideologien von Nationalismus, Faschis\u00admus und Kommunismus den Rahmen f\u00fcr solche politischen Imaginationen. Ein Hauptmotiv ist die verweltlichte Heilsgewissheit der sozialistischen Utopie und ihr Anspruch, Gegenentwurf zur belasteten b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zu sein. Dieses Wahrnehmungs\u00admuster liegt auch dem Ost-West-Konflikt in seiner Bipolarit\u00e4t zugrunde und spitzte sich im Kalten Krieg so zu, dass man sich wechselseitig jede gesellschaftliche und politische Legitimation absprach. Beide Systeme pflegten \u00abihre\u00bb \u00dcberl\u00e4ufer zu pr\u00e4sentieren, um damit auch den sozialen und politischen Verfall des Gegners blo\u00dfzustellen.<\/p>\n<p>So war der Systemkonflikt mehr als ein Machtkampf von Gro\u00dfm\u00e4chten und Staatenb\u00fcndnissen. Solche Machtk\u00e4mpfe hatte es vorher auch gegeben, und immer wurden darin auch Verr\u00e4ter instrumentalisiert. Man denke an die Dreyfus-Aff\u00e4re vor dem Hintergrund des deutsch-franz\u00f6sischen Gegensatzes und des franz\u00f6sischen Antisemitismus. Man denke auch an den Skandal um den \u00f6sterreichischen Oberst Redl, der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs f\u00fcr Russland spionierte. Im Ost-West-Konflikt wurden solche Machtk\u00e4mpfe zwischen Staaten totalisiert: Sie wurden zu einer Existenzfrage, die die gesamte Bev\u00f6lkerung und jedes Individuum betraf. \u00abKapitalismus\u00bb und \u00abKommunismus\u00bb wurden die modernen mani\u00adch\u00e4ischen Prinzipien: Das Reich des B\u00f6sen wurde jeweils in der Zita\u00addelle des Feindes vermutet.<\/p>\n<p>In dieser Bilderwelt erf\u00fcllt der Verr\u00e4ter zwei Funktionen. Zum einen \u00fcberwindet er die antagonistische Trennung: Er erprobt den \u00dcbertritt, die Konversion. Als Grenzg\u00e4nger beweist er die gef\u00e4hrliche Anziehungskraft des jeweils anderen Gesellschaftssystems. Andererseits symbolisiert der Verr\u00e4ter die untergr\u00fcndige Bedrohung durch den Systemgegner. Durch ihn hat dieser mitten im eigenen Lager Fu\u00df gefasst.<\/p>\n<p>In den Gro\u00dfideologien des 20. Jahrhunderts wird das Politische theologisiert: Es bietet umfassenden Sinn an und mobilisiert die Unmittelbarkeit des Glaubens gegen den nagenden Zweifel der pr\u00fcfenden Vernunft. Deshalb ist der Verratsdiskurs erf\u00fcllt von den Gest\u00e4ndnissen der Konvertiten, die abschworen und zu fanatischen Gegnern ihrer ehemaligen Kirchen wurden. Die Ex-Kommunisten treibt eine aggres\u00adsive Entt\u00e4uschung angesichts des \u00abGottes, der keiner war\u00bb (Arthur Koestler), dem sie zu lange gedient hatten. Die Zur\u00fcckgekehrten wie Ignazio Silone, Man\u00e8s Sperber, Jorge Sempr\u00fan oder eben Arthur Koestler gei\u00dfeln nach ihrer Re-Konversion nicht nur den sowjetischen Staatssozialismus, sondern vor allem jene, die sich erst nach ihnen von ihm abwendeten. Vielleicht lassen sich die zahllosen Streitereien im Lager der entt\u00e4uschten Ehemaligen als Schuldprojektionen deuten: Ihren eigenen Verrat an der Utopie lasten sie den anderen an. Dass gerade die omin\u00f6se Klasse der Intellektuellen f\u00fcr solche Konversionserlebnisse empf\u00e4nglich war, \u00fcberrascht nicht. \u00abDenken im Zwiespalt\u00bb haben allerdings nur die k\u00fchlen Vivisektoren der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse gelernt; wer vom Glauben an die Heilsbotschaft beseelt war, der kam oft unter die R\u00e4der.<\/p>\n<p>Folgerichtig nimmt es mit ihm meist ein schlimmes Ende in den Spionageromanen, den Fiktionen des sozial-imagin\u00e4ren Verrats. Wenn er nicht ohnehin stirbt, so bezahlt er seinen \u00dcbertritt in das \u00abSchwarze Schloss\u00bb (John le Carr\u00e9) des Systemgegners mit Isolation und Vereinsamung. Bei den nach Moskau geflohenen \u00abOxbridge\u00bb-Agenten ist immer wieder nach Anzeichen physischer, psychischer und sozialer Verelendung gesucht worden, meist ohne Erfolg.<\/p>\n<p>Spionageromane ersetzen die Kriegsberichterstattung<br \/>\nDer Verr\u00e4ter verk\u00f6rpert die unsichtbare Gefahr: Er ist das \u00abAndere\u00bb, das sich als das \u00abSelbe\u00bb tarnt. In ihm spiegelt sich die Eigent\u00fcm\u00adlichkeit des Ost-West-Konflikts, in dem die klare Trennung und das deutliche Feindbild nicht zum offenen milit\u00e4rischen Konflikt trieben. Mit ihren Geschichten von Gewalt und Tod verdeutlichen die Verratsromane diesen unscheinbaren Frontverlauf im Konflikt der Gesellschaftssysteme. Sie ersetzen die Kriegsberichterstattung. In der Grauzone des gebremsten Antagonismus, der nicht kriegerisch ausbricht, behalten nur die Verr\u00e4ter und ihre jeweiligen system\u00adkonformen Gegenspieler, die Spy Catcher, die \u00dcbersicht.<\/p>\n<p>Beim Verratsdiskurs geht es im Kern um das Ausmessen und Normieren von Treue und Untreue. Schrecken und Bedrohung werden mythisiert, aber die Bek\u00e4mpfung des Verrats ist rational. Schon die Verschw\u00f6rungsobsessionen rund um den Verrat zeigen, dass von einer \u00abOpposition von Mythos und Realit\u00e4t\u00bb keine Rede sein kann. In der Vermessungsarbeit der Spy Catcher wird zwar Aufkl\u00e4rung manifest, aber die Arbeit der Agentenj\u00e4ger kann auch hysterische Formen annehmen, wie der McCarthyismus in den USA und die Verschw\u00f6rungsobsessionen des Stalinismus belegen.<\/p>\n<p>So forderte der Ankl\u00e4ger der Moskauer Schauprozesse, Andrej Wyschinski, die Verr\u00e4ter \u00abm\u00fcssen wie r\u00e4udige Hunde erschossen werden! Unser Volk fordert das eine: Zertretet das verfluchte Otterngez\u00fccht!\u00bb. Dabei hatte das einzige Verbrechen der unschuldig gebrandmarkten treuen Bolschewiken darin bestanden, von Stalin f\u00fcr Machtrivalen gehalten zu werden. Wyschinski klang nicht weniger geifernd und menschenverachtend als der NS-Richter Roland Freisler gegen\u00fcber den Attent\u00e4tern des 20. Juli 1944.<\/p>\n<p>Wo ist der Verrat geblieben?<br \/>\nSolcher Furor kennzeichnet nicht nur totalit\u00e4re Systeme. Der Prozess gegen Ethel und Julius Rosenberg setzte 1951 in den USA \u00e4hnliche Aggressionen frei, wenngleich \u2013 und dies ist der Unterschied zwischen Totalitarismus und demokratischem Rechtsstaat \u2013 die Angeklagten nicht gefoltert und ihre Familien nicht verfolgt wurden und der Prozess rechtsstaatlichen Regeln folgte. Die Rosenbergs hatten einen Verwandten, der in Los Alamos arbeitete, zur Spionage angeworben und diese Atomgeheimnisse an die Sowjets weitergegeben. Obwohl die Rosenbergs nicht viel mehr waren als Boten im Kampf der Geheimdienste, galt ihr Vergehen dem US-Richter Irving Kaufman \u00abschlimmer als Mord\u00bb. Sie wurden hingerichtet. Pr\u00e4sident Eisenhower hatte ein Gnadengesuch abgelehnt.<\/p>\n<p>Und heute? Ist mit dem Ende des ideologischen Zeitalters auch der Verrat zu Ende? Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts gibt es keine gro\u00dfen Konversions-Erlebnisse mehr, aber die Mechanik des Verrats, seine gesellschaftliche Konstruktion als Mittel zur Disziplinierung funktioniert ungebrochen. In allen Konfliktzonen, von Nordirland \u00fcber das Baskenland bis zum Balkan, werden Verr\u00e4ter produziert und verfolgt. Selbst in der befriedeten Bundesrepublik tauchen immer wieder Verratsvorw\u00fcrfe auf, wie die Parteitage der Gr\u00fcnen zur Kosovo- oder Atompolitik gezeigt haben. Gut erinnerlich ist auch noch, dass einige Sozialdemokraten nach dem Koalitionswechsel der FDP von Schmidt zu Kohl von einem \u00abVerrat in Bonn\u00bb sprachen, ohne dass dies f\u00fcr die zuk\u00fcnftigen B\u00fcndnis-\u00dcberlegungen beider Parteien heute noch eine Rolle spielte.<\/p>\n<p>Der Verrat erscheint heute domestiziert. Er hat seine existenz\u00adbedrohende Kraft verloren, er ist banal geworden. Dennoch ist mit seinem Verschwinden aus dem Repertoire der Konstruktionen sozialen Handelns nicht zu rechnen. Der Zusammenhang von Vertrauen und Verrat l\u00e4dt immer zu politischen Aufladungen ein. Die anthro\u00adpologische Konstante, vertrauen zu m\u00fcssen und verraten zu k\u00f6nnen, kann nicht zerbrochen werden, solange es Menschen gibt, die auf Gesellschaft angewiesen sind, und solange die Welt nicht aus Klonen besteht, denen man die jeweilige Loyalit\u00e4t in die Gene pflanzt.<\/p>\n<p>Thomas Noetzel ist Hochschuldozent f\u00fcr Politikwissenschaft an der Universit\u00e4t Marburg. Zuletzt ver\u00f6ffentlichte er die Studie \u00abAuthentizit\u00e4t als politisches Problem\u00bb.<\/p>\n<p>Zitierte Literatur<br \/>\nJohn Banville<br \/>\nDer Unber\u00fchrbare. Roman<br \/>\nAus dem Englischen von Christa Schuencke.<br \/>\nKiepenheuer &#038; Witsch, K\u00f6ln 1987. 544 S., 49,80 DM<\/p>\n<p>Werner von Bergen \/ Walter H. Pehle (Hg.)<br \/>\nDenken im Zwiespalt. \u00dcber den Verrat von Intellektuellen im 20. Jahrhundert<br \/>\nFischer TB, Frankfurt a. M. 1996. 143 S., 18,90 DM<\/p>\n<p>Margret Boveri<br \/>\nDer Verrat im 20. Jahrhundert<br \/>\nRowohlt, Reinbek 1976 (vergriffen)<\/p>\n<p>Uwe Johnson<br \/>\nSkizze eines Verungl\u00fcckten<br \/>\nBibliothek Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1981. 74 S., 18,80 DM<\/p>\n<p>Norman Moss<br \/>\nKlaus Fuchs. The Man who Stole the Atom Bomb<br \/>\nGrafton Books, London 1987. 216 S., 12,95 \u00a3<\/p>\n<p>Elisabeth Pfister<br \/>\nUnternehmen Romeo. Die Liebeskommandos der Stasi<br \/>\nAufbau TB, Berlin 2000. 207 S., 16,90 DM<\/p>\n<p>Karol Sauerland<br \/>\n30 Silberlinge. Denunziation \u2013 Gegenwart und Geschichte<br \/>\nVolk &#038; Welt, Berlin 2000. 381 S., 44 DM<\/p>\n<p>Heribert Schwan<br \/>\nTod dem Verr\u00e4ter. Der lange Arm der Stasi und der Fall Lutz Eigendorf<br \/>\nDroemer Knaur, M\u00fcnchen 2000. 333 S., 16,90 DM&#8220;<\/p>\n<p>https:\/\/www.<strong>cicero<\/strong>.de\/kultur\/im-reich-der-raeudigen-hunde\/45589<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Verrat &#8211; Das grosse Tabu -Im Reich der r\u00e4udigen Hunde Von den Schrecken und der Faszination einer (a)sozialen Handlung Tiere k\u00f6nnen nicht verraten. Diese F\u00e4higkeit ist dem Menschen eigen, sie geh\u00f6rt wie das bewusste T\u00e4uschen, das L\u00fcgen und Hintergehen zu seiner psychosozialen Grundausstattung. Dabei m\u00e4stet sich der Verr\u00e4ter an Wahrheit und Vertrauen, indem er als &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/?p=143365\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143365"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=143365"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143365\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":143367,"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143365\/revisions\/143367"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=143365"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=143365"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=143365"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}