{"id":115415,"date":"2022-12-30T13:52:57","date_gmt":"2022-12-30T13:52:57","guid":{"rendered":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/?p=115415"},"modified":"2022-12-30T13:57:07","modified_gmt":"2022-12-30T13:57:07","slug":"alles-nun-was-ihr-wollt-dass-euch-die-leute-tun-sollen-das-tut-ihnen-auch-matthaeus-712","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/?p=115415","title":{"rendered":"\u201eAlles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!\u201c (Matth\u00e4us 7,12)"},"content":{"rendered":"<p>MUSS ich,<br \/>\nEin Moslem euch erst daran erinnern?<\/p>\n<p>Oderrrrrrrrrrrrrrrrr<\/p>\n<p>&#8222;\u201eRechtsspruch statt Rechtsbruch\u201c \u2013 Die Tora als Grundlage des j\u00fcdischen Rechts<\/p>\n<p>Tanach (TaNaKh) ist die \u00fcbliche Bezeichnung f\u00fcr die gesamte Hebr\u00e4ische Bibel, die Sammlung Heiliger Schriften des Judentums. Der Tanach besteht aus drei Teilen, der Tora (Weisung), den Nevi\u2019im (Propheten) und den Ketuvim (Schriften). Die Tora wiederum besteht aus den f\u00fcnf B\u00fcchern Mose und ist ein sehr wichtiger, wenn nicht der wichtigste Teil der hebr\u00e4ischen Bibel.<\/p>\n<p>Wir wollen uns nun auf die Tora konzentrieren. Welche Rolle spielt sie? Wie pr\u00e4gt die sie das konkrete Leben des j\u00fcdischen Volkes? Welchen Anspruch erhebt die Tora? Welche Autorit\u00e4t hat sie? Was wird durch sie kommuniziert? Und wie bestimmt ihr Inhalt die \u00f6ffentlichen, rechtlichen Angelegenheit Israels? Wie geht man z.B. mit der grausam anmutenden Vorschrift in 5Mo 21,18-21 um, nach der ein ungehorsamer Sohn, der nicht auf seine Eltern und die \u00c4ltesten der Stadt h\u00f6ren will, gesteinigt werden soll?<\/p>\n<p>Um diese und \u00e4hnliche Fragen beantworten zu k\u00f6nnen, braucht es nicht nur eine grunds\u00e4tzliche Kenntnis dar\u00fcber, was die Tora und was j\u00fcdisches Recht ist. Es braucht auch eine Kenntnis dar\u00fcber, in welchem Verh\u00e4ltnis die beiden Konzepte Tora und Recht zueinanderstehen. Der folgende Artikel bietet eine allgemeine Einf\u00fchrung in diese Thematik, indem er zuerst die Rolle der Tora und anschlie\u00dfend das Wesen und die grunds\u00e4tzliche Funktionsweise des j\u00fcdischen Rechts beschreibt<\/p>\n<p>1. Die Tora<\/p>\n<p>Die Tora war und ist das grundlegendste Dokument und Fundament des Judentums. Sie wird als Gottes Offenbarung und damit Weisung an sein Volk angesehen. Sie kommuniziere alles, was f\u00fcr Israels Verh\u00e4ltnis zu Gott essenziell ist. Damit ist sie f\u00fcr Israel vor allem eines: identit\u00e4tsstiftend. Sie beschreibt nicht nur den Ursprung des Universums und der Menschheit. Sie erz\u00e4hlt vor allem von Gottes Erw\u00e4hlung der Erzv\u00e4ter Abraham, Isaak und Jakob. Und sie beschreibt die Geburtsstunde des Volkes Israels und ihrer Nachkommen. Der Rest der j\u00fcdischen heiligen Schriften ist ohne Kenntnis der Tora v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich. Nicht zuletzt beschreibt sie die g\u00f6ttlichen Vorschriften, nach denen Israel leben soll. Sie zeichneten Israels einzigartiges Verh\u00e4ltnis mit Gott aus (2Mo 19,2-4). Wer die Tora nicht kennt, kann die Vergangenheit und die Gegenwart Israels unm\u00f6glich verstehen.<\/p>\n<p>Was ist die Tora?<\/p>\n<p>Aber was genau ist die Tora? Das hebr\u00e4ische Wort Tora bedeutet schlicht \u201eWeisung\u201c. Aber es ist auch ein technischer Ausdruck. Er bezeichnet \u2013 wie oben erw\u00e4hnt \u2013 einen bestimmten Teil der hebr\u00e4ischen Bibel, des sogenannten TaNaKh und wird meistens mit \u201eGesetz\u201c wiedergeben. Der TaNaKh und das christliche Alte Testament enthalten dieselben Schriften in leicht unterschiedlicher Reihenfolge. Beide beginnen jedoch mit der Tora. Was im TaNaKh die Tora ist, wird in der christlichen Bibel die f\u00fcnf B\u00fccher Moses genannt.<\/p>\n<p>Literarisch besteht die Tora aus f\u00fcnf verschiedenen Teilen. Diese Teile geh\u00f6ren jedoch zueinander und bilden eine Einheit. Jeder der f\u00fcnf Teile hat deutliche literarische Anfangs- und Endpunkte. Aber die gro\u00dfe Erz\u00e4hlung der Tora zieht sich durch alle ihre Teile und verbindet sie. Man kann von einem Werk in f\u00fcnf B\u00e4nden sprechen. Diese Einheit in der Vielfalt spiegelt sich auch im griechischen Namen der Tora: Pentateuch. Das Wort bedeutet, h\u00f6lzern \u00fcbersetzt, \u201eF\u00fcnf-Gef\u00e4\u00df\u201c (gr. pente = f\u00fcnf, teuchos = Beh\u00e4lter, in denen die Schriftrollen aufbewahrt wurden).<\/p>\n<p>Im Deutschen hat sich nicht \u201eWeisung\u201c, sondern \u201eGesetz\u201c als g\u00e4ngigste Bezeichnung der Tora behauptet. Dies geschah \u00fcber den Umweg des antiken Griechisch. Ungef\u00e4hr im 3. Jh. v. Chr. entstand die Septuaginta, die griechische \u00dcbersetzung der hebr\u00e4ischen Bibel. Sie \u00fcbersetzte das Wort Tora mit dem griechischen Begriff nomos. Diese wiederum bedeutet \u201eGesetz\u201c. Die Septuaginta fungierte wiederum als die Heilige Schrift der Juden im 1. Jh. n. Chr. Die Griechisch schreibenden Autoren des Neuen Testaments beschrieben daher die mosaische Tora als nomos. Trotz alledem scheint \u201eWeisung\u201c die treffendere deutsche Bezeichnung zu sein. Denn die Tora enth\u00e4lt zwar Gesetze, und um diese soll es in diesem Artikel gehen. Aber ihre Vorschriften sind in Erz\u00e4hlungen und anderen literarischen Formen eingebettet, die den Geboten erst ihren vollen Sinn verleihen.<\/p>\n<p>Wie ist die Tora entstanden?<\/p>\n<p>Uralter \u00dcberlieferungen zufolge schrieb Mose die Tora nieder. Sie selbst ist der Ursprung dieser Tradition. Laut ihr f\u00fchrte Moses das Volk der Juden nach dem Auszug aus \u00c4gypten an den Berg Sinai. So hatte es Gott selbst ihm zuvor verhei\u00dfen (2Mo 3,12). Mose stieg als Repr\u00e4sentant des Volkes auf den Berg, auf dem Gott erschienen war. Dort erhielt er Vorschriften und Ordnungen, nach denen das Volk leben sollte, von Gott pers\u00f6nlich. Gott sprach, und Mose h\u00f6rte und schrieb die Worte Gottes auf. Eine Ausnahme war der Dekalog, die \u201eZehn Gebote\u201c (eig. w\u00f6rtl. \u201eZehn Worte\u201c). Diese schrieb Gott selbst auf steinerne Tafeln (2Mo 31,18). Diese Sinai-Episode erstreckt sich literarisch von 2Mo 19,1 bis 4Mo 10,36. Diese Textmenge entspricht 46,5% der ganzen Tora. Elf Monate und f\u00fcnf Tage verbrachte das Volk \u2013 nach innerbiblischer Zeitrechnung \u2013 am Fu\u00df des Gottesberges.<\/p>\n<p>In neuerer Zeit wurde dieser Tradition die Historizit\u00e4t abgesprochen. Die kritische Bibelforschung der letzten gut zweihundert Jahre zeichnete die Entstehung der Tora v\u00f6llig anders. Den einflussreichten Beitrag dieser historischen Kritik an der Moseverfasserschaft machte der Alttestamentler Julius Wellhausen (1844-1918). Sein Werk \u201eProlegomena zur Geschichte Israels\u201c datierte die Entstehung der Tora in die Zeit nach dem babylonischen Exil. Viele Gelehrte folgten ihm und modifizierten seine Ansichten. Man kam zu dem Urteil, dass die Erz\u00e4hlungen der Tora nicht historisch, sondern fr\u00f6mmigkeitstheologische Fiktionen gewesen seien. Ihr Zweck w\u00e4re es demnach gewesen, dem Israel des 3. und 2. Jh. v. Chr. eine geschichtliche Identit\u00e4t und eine Lebensordnung zu geben. In j\u00fcngster Zeit gibt es allerdings wieder mehr Bem\u00fchungen, die Aussagen der Tora selbst \u2013 auch in historischer Hinsicht \u2013 wieder ernst zu nehmen. Versuche der historisch-kritischen Forschung, den Werdegang der Tora historisch zu rekonstruieren, haben sich nicht selten als zu hypothetisch erwiesen.<\/p>\n<p>Aber was genau sagt die Tora selbst \u00fcber ihre Entstehung? Zun\u00e4chst merkt der aufmerksame Leser, dass dieses Werk keine Verfasserangabe hat. Die Tora ist anonym. Die deutsche Bezeichnung \u201eB\u00fccher Moses\u201c ist kein Buchtitel, sondern entstammt der kirchlichen Tradition. Diese Tradition ist jedoch prim\u00e4r an den Narrativen \u00fcber Mose im Text verankert. Es gibt immer wieder Hinweise auf die Schreibt\u00e4tigkeit Moses (2Mo 2Mo 17,14; 24,3f.7f.12; 34,27f; 3Mo 26,46; 27,34; 4Mo 33,2; 5Mo 28,58; 31,9.22.24). Es ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass er neben den Stellen, die ihm explizit zugewiesen werden, noch mehr verfasst hat. Die Bibelforschung ist sich zwar heute einig, dass die Tora nicht aus einem Guss entstanden, sondern literarische Wachstumsprozesse durchlaufen hat. Dass aber Moses gro\u00dfe Teile des Textes selbst verfasst haben k\u00f6nnte, ist keine unbegr\u00fcndete Annahme.<\/p>\n<p>Eine ausgerollte Tora-Schriftrolle (Bild von nellyaltenburger, pixabay.com)<\/p>\n<p>Die Rechtliche Dimension der Tora<\/p>\n<p>Zwar ist das Wort \u201eGesetz\u201c als Bezeichnung f\u00fcr die Tora weniger treffend als das Wort \u201eWeisung\u201c. Aber die Tora hat durchaus eine rechtliche Dimension in Form einer Gesetzgebung. Sie enth\u00e4lt hunderte von Vorschriften bzw. Geboten (hebr. mizwot). Einige davon finden sich einzeln verstreut. Aber die meisten sind Teil von l\u00e4ngeren Abschnitten, die man als Rechtstexte bezeichnen kann. Die wichtigsten dieser Rechtstexte sind der Dekalog (2Mo 20,2-17), das Bundesbuch (2Mo 20,22-23,19), die \u201eHeiligkeitsgesetze\u201c (3Mo 17-26), und die Gebote des Deuteronomiums (5Mo 12-26). Der Dekalog und das Bundesbuch sind insgesamt gesehen grundlegender. Sie enthalten durchschnittlich mehr allgemeine Prinzipien und \u00e4hneln einem Verfassungsdokument. Die Heiligkeitsgesetze und die Gebote des Deuteronomiums formulieren diese Prinzipien aus und wenden sie konkret an.<\/p>\n<p>Die Gebote dieser Rechtstexte bilden jedoch kein abgeschlossenes b\u00fcrgerrechtliches System. Es beziehen sich nicht einmal alle Gebote auf das B\u00fcrgerrecht. Ordnungen dieser Art stehen in einem Atemzug neben ethischen Richtlinien und kultischen Vorschriften. Das Bundesbuch z.B. l\u00e4sst eine solche Dreiteilung zu. In ihm finden sich drei Arten von Richtlinien. Zusammen ordnen sie das alle wesentlichen Bereiche des Lebens Israels. Es gibt einerseits die Rechte (hebr. mischpatim, vgl. 2Mo 21,2-22,19), dann die unsichtbaren, privaten Ordnungen (hebr. dewarim, vgl. 2Mo 22,20-23,9) und schlie\u00dflich die Satzungen f\u00fcr die Ordnung der Volksgemeinschaft (hebr. chuqqim, vgl.2Mo 23,10-19). Die Tora-Vorschriften durchdringen nicht blo\u00df das Ebene des Rechts. Sie regeln das private und gemeinschaftliche Zusammenleben jenseits davon.<\/p>\n<p>Die von diesen Arten von Richtlinien betroffenen Lebensbereiche lassen sich genauer beschreiben. Die Rechte sollen die b\u00fcrgerliche Ordnung sch\u00fctzen. Sie unterteilen sich in Vorschriften f\u00fcr Sozialrecht (Schutz der Freiheit, vgl. 2Mo 2,2-11), Kriminalrecht (Schutz des Lebens, vgl. 2Mo 21,12-32), Zivilrecht (Schutz des Eigentums, vgl. 2Mo 21,33-22,14) und Sakralrecht (Schutz des Heiligen, vgl. 2Mo 22,17-19). Die zweite Art Richtlinien, die privaten Ordnungen, stellen Gottes Forderungen an das private Zusammenleben dar. Er fordert, dass das Miteinander ethisch von Barmherzigkeit, Heiligkeit und Gerechtigkeit gekennzeichnet sein soll. (2Mo 22,20-23,9). Die dritte Sph\u00e4re, die chuqqim, ordnet das gemeinschaftlich-kulturelle Leben des Volkes. Hierhin geh\u00f6ren Verordnungen, wie die \u00fcber das Sabbatjahr und die Sabbate (2Mo 23,10-13), die Jahresfeste (2Mo 23,14-17) und Anbetungs- und Opfergebote (2Mo 23,18f).<\/p>\n<p>Ein bestimmter Aspekt der rechtlichen Dimension der Tora \u00fcbertrifft vom Anspruch her alle anderen: Die Autorit\u00e4t der Tora ist gleichzusetzen mit der Autorit\u00e4t Gottes. Er hat die Gebote gegeben, und hinter ihnen steht sein Wille. Au\u00dferdem adressierte Gott mit der Tora speziell sein Volk Israel. Diese beiden Aspekte (g\u00f6ttliche Autorit\u00e4t und Adressierung Israels) ergaben zusammen f\u00fcr das Volk die Notwendigkeit, Recht, Sitte und Kultus tora-konform zu gestalten. Weil dies so wichtig war, gab es Tora-Experten f\u00fcr verschiedene Bereiche. Die Lehre der Tora hinsichtlich der verschiedenen Lebensbereiche war Richtern, \u00c4ltesten und Priestern anvertraut.<\/p>\n<p>2. Die Tora und j\u00fcdisches Recht<\/p>\n<p>Angesichts dieser rechtlichen Dimension der Tora wird verst\u00e4ndlich, dass sich Israel durch die Jahrhunderte berufen gesehen hat, sein ganzes Leben gem\u00e4\u00df dieser Tora zu gestalten. Aus diesem Berufungsgef\u00fchl heraus ist das j\u00fcdische Recht entstanden. Nun soll erkl\u00e4rt werden, was das j\u00fcdische Recht ist, und in welchem Verh\u00e4ltnis es zur Tora steht.<\/p>\n<p>Was ist j\u00fcdisches Recht?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst ein Versuch, den Begriff zu bestimmen: Was ist j\u00fcdisches Recht? Der Name l\u00e4sst vermuten, dass es um das Recht der Juden geht. Aber in welchem Sinn ist das gemeint? Etwa in gleicher Weise, wie das Recht im deutschen Staat \u201edeutsches Recht\u201c hei\u00dft? Dann w\u00e4re das \u201ej\u00fcdische Recht\u201c das Recht des Staates Israel. Dieses wird aber \u201eisraelitisches Recht\u201c genannt. Und tats\u00e4chlich findet das j\u00fcdisches Recht im modernen Staat Israel kaum noch Anwendung. Es handelt sich beim j\u00fcdischen Recht auch nicht um das Recht der Juden au\u00dferhalb Israels. Dieses richten sich n\u00e4mlich nach dem Recht desjenigen Staates, in dem sie leben. Auch handelt es sich nicht blo\u00df um die die religi\u00f6sen Vorschriften, welche die Vorg\u00e4nge in den Synagogen ordnen.<\/p>\n<p>Was j\u00fcdisches Recht ist, l\u00e4sst sich am ehesten \u00fcber dessen Geschichte begreifen. Diese Geschichte beginnt mit der Tora. Sie ist der Anker des j\u00fcdischen Rechts. Weil Mose als ihr Autor angenommen wird, kann j\u00fcdisches Recht auch mosaisches Recht genannt werden. Wie schon beschrieben, ist die Tora untrennbar eng mit der Entstehung des j\u00fcdischen Volkes und dessen Identit\u00e4t verkn\u00fcpft. Sie erf\u00fcllte unter anderem den Zweck, dem Volk in seinen fr\u00fchesten Jahren eine g\u00f6ttliche Rechtsordnung zu geben. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie von Mose als \u201eK\u00f6nig von Gottes Gnaden\u201c erlassen wurde. Vielmehr stammt sie, wie oben erw\u00e4hnt, von Gott selbst. (vgl. die Steintafeln, die von Gottes Finger beschrieben wurden, 2Mo 31,18).<\/p>\n<p>Der Tora wurde also g\u00f6ttliche Autorit\u00e4t zugesprochen. Damit verbunden war die Auffassung, dass ihre Gebote absolut unver\u00e4nderlich sind. Diese Unver\u00e4nderlichkeit bereitete jedoch im Laufe der Geschichte des Volkes Probleme. Die Lebenswelt Israels war n\u00e4mlich keinesfalls unver\u00e4nderlich. Deshalb wurde gefragt, wie ein starres System von Geboten in eine sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndernde Umgebung f\u00fcr das Volk Israel hineinpasst? Um 587 v. Chr. wurde der Jerusalemer Tempel zerst\u00f6rt und das Volk ging ins Exil nach Babylon. Sp\u00e4testens zu diesem Zeitpunkt waren einige Vorschriften der Tora in der Praxis (Stiftsh\u00fctten- bzw. Tempeldienste usw.) schlicht nicht mehr anwendbar. Die Umst\u00e4nde Israels hatten sich von den in der Tora vorausgesetzten Zust\u00e4nden erheblich entfremdet.<\/p>\n<p>Die folgende Entwicklung des j\u00fcdischen Rechts l\u00e4sst sich daher als ein Versuch verstehen, dieses Problem zu l\u00f6sen. In der Folgezeit widmeten sich die j\u00fcdischen Rechtsgelehrten der Auslegungs- bzw. Interpretationskunst. Seitdem besteht das j\u00fcdische Recht aus zwei Komponenten. Die \u201eschriftliche Lehre\u201c (Tora), die sich in der Heiligen Schrift befindet und als Grundlage dient, und dann die sog. \u201em\u00fcndliche Lehre\u201c (Tora Schebealpe), die sich mit der Interpretation der Tora besch\u00e4ftigt. Sie ist das Werk j\u00fcdischer Gelehrter, der Rabbiner. Die Rabbinen leiteten aus 3Mo 26,46 diese Zweiteilung in eine schriftliche und eine m\u00fcndliche Tora ab: Das sind die Ordnungen und die Rechtsbestimmungen und die Gesetze (hebr. Torot, Plural von Tora), die der HERR zwischen sich und den S\u00f6hnen Israel auf dem Berg Sinai durch Mose gegeben hat. Deshalb gilt die m\u00fcndliche Lehre als Erscheinungsform des von Gott geoffenbarten Rechts und hat damit hohe Autorit\u00e4t.<\/p>\n<p>Beide Lehrkorpora (schriftliche und m\u00fcndliche) zusammen bilden das j\u00fcdische Recht, das auch Halacha, \u201eder zugehende Weg\u201c genannt wird (hebr. Halach = \u201egehen\u201c). Die Bezeichnung des j\u00fcdischen Rechts als Halacha wurde abgeleitet von 2Mo 18,20: \u201eBelehre sie \u00fcber die Ordnungen und Weisungen, und zeige ihnen den Weg, den sie gehen, und das Werk, das sie tun sollen.\u201c W\u00e4hrend die Schriften der Rabbiner sich noch haupts\u00e4chlich mit der Auslegung der Tora besch\u00e4ftigten, widmet sich das j\u00fcdische Recht in nachrabbinischer Zeit (ungef\u00e4hr ab dem 11. Jh.) sehr lange eher den Schriften der Rabbiner als dem Text der heiligen Schrift selbst. Man betrachtete die Schrift gewisserma\u00dfen durch eine rabbinische Brille. Die Arbeit der Rabbinen war damit f\u00fcr die Fortbildung des j\u00fcdischen Rechts ausschlaggebender als die Tora, obwohl sie nat\u00fcrlich in ihr verankert blieb.<\/p>\n<p>J\u00fcdisches Recht ist also nicht das Recht eines Staates, sondern des j\u00fcdischen Volkes. Es l\u00e4sst sich als Interpretation des mosaischen Rechts beschreiben. Es steht in der st\u00e4ndigen Spannung zwischen der Autorit\u00e4t des g\u00f6ttlichen Gebots und einer zeitgem\u00e4\u00dfen Anwendung. Seit Jahrtausenden bis heute wird das j\u00fcdische Recht auf Grundlage der Tora diskutiert, interpretiert und weiterentwickelt. W\u00e4hrend der letzten zweitausend Jahre hatten Juden in der Diaspora allerorts oftmals das Privileg, nach ihrem eigenen Rechtssystem zu leben. Das j\u00fcdische Recht galt dabei sowohl damals als auch heute allen Juden, ob orthodox oder s\u00e4kular. Es ist zwar historisch eng mit dem j\u00fcdischen Glauben verbunden und ist in der heiligen Schrift verankert. Aber es geh\u00f6rt dennoch vielmehr zum j\u00fcdischen Volk als zur j\u00fcdischen Religion.<\/p>\n<p>Wie verf\u00e4hrt das j\u00fcdische Recht? Einige Grunds\u00e4tze:<\/p>\n<p>Das Recht, die unver\u00e4nderlichen Gebote der Tora auszulegen bzw. zu interpretieren, entnahmen die j\u00fcdischen Rechtsgelehrten der Tora selbst. In 5Mo 17:8-11 wird dem j\u00fcdischen Richter das Recht einger\u00e4umt, nach seiner eigenen Rechtsfindung zu urteilen. Wichtig f\u00fcr die sp\u00e4teren Jahrhunderte ist dabei die Formulierung, die den Richter beschreibt: \u201edu sollst zu dem Richter kommen, der in jenen Tagen sein wird\u201c (5Mo 17,9). Anhand dieses Textes hat die j\u00fcdische Rechtsphilosophie die Fortbildung des j\u00fcdischen Rechts begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Das j\u00fcdische Recht geht innerhalb der Tora vor allem von den 613 mizwot (Geboten) aus, die man in ihr (den f\u00fcnf B\u00fcchern Mose) zu finden meint (10 Dekalog-Gebote plus 603 Einzelanweisungen). Sie wurden unter einer literarischen Gattung zusammengefasst im Sefer Hamizwot (\u201eBuch der Gebote\u201c). Sie lassen sich aufteilen in 248 \u201edu sollst\u201c-Gebote und 365 \u201edu sollst nicht\u201c-Gebote. Neben der Tora ist aber auch die gesamte hebr\u00e4ische Bibel, der TaNaKh, als heilige Schrift autoritative Grundlage j\u00fcdischen Rechts. Texte aus den Nevi\u2018im und Ketuvim enthalten jedoch weniger rechtlich relevantes Material als die Tora. Deshalb spielen sie eine geringere Rolle im j\u00fcdischen Recht als die 613 mizwot der Tora. Sie sind jedoch nicht auszuschlie\u00dfen, denn ihre Erz\u00e4hlungen enthalten Material, das bspw. f\u00fcr Erwerbsrecht (Ruth 4; Jer 32), K\u00f6nigtum (1Sam 8, 1K\u00f6 21), oder Haftung bei Rechtsvorst\u00f6\u00dfen (2K\u00f6 14,6) relevant ist.<\/p>\n<p>Gelegentlich konnte auch eine nicht mehr zeitgem\u00e4\u00dfe Vorschrift der Tora aufgehoben werden. Dies geschah auf der Grundlage der Autorit\u00e4t anderer heiliger Schriften. Ein Beispiel: 2Mo 20,6-7 setzt die M\u00f6glichkeit einer generationen\u00fcbergreifenden Kollektivschuld voraus. Die Rabbinen hielten diese M\u00f6glichkeit jedoch f\u00fcr aufgehoben, und zwar aufgrund des Propheten Hesekiel: \u201eDie Seele, die s\u00fcndigt, sie soll sterben. Ein Sohn soll nicht an der Schuld des Vaters mittragen, und ein Vater soll nicht an der Schuld des Sohnes mittragen\u201c (Hes 18,20).<\/p>\n<p>Die Tora enth\u00e4lt ein Gemisch aus allgemeinen Prinzipien, die dem j\u00fcdischen Recht zugrunde liegen, und ganz konkreten, praktischen Vorschriften. Durch Anwendung und Abstraktion haben die j\u00fcdischen Rechtsgelehrten aus dem einen das andere ableiten k\u00f6nnen: Aus expliziten allgemeinen Prinzipien konnten konkrete Vorschriften abgeleitet werden f\u00fcr eine aktuelle Situation und Angelegenheit, f\u00fcr die es in der Tora selbst keine konkreten Vorschriften gibt (so finden sich z.B. in der Tora nat\u00fcrlicherweise keine konkreten Anweisungen dar\u00fcber, ob Abtreibung im 21. Jh. legitim ist). Andererseits k\u00f6nnen aus konkreten Aussagen allgemeine Prinzipien des Rechts extrahiert werden. So wird z.B. der Grundsatz der Gleichheit aller Menschen einerseits mit dem Gebot \u201eLiebe deinen N\u00e4chsten wie sich selbst\u201c oder mit \u201eIm Bild Gottes schuf er den Menschen\u201c begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Bei der Praxis j\u00fcdischen Rechts spielen zwei weitere Aspekte eine wesentliche Rolle. Der erste davon sind verschiedene Tora-Auslegungen. Wer die rabbinischen Schriften studiert, wird merken, dass es eine Vielzahl von Interpretationsm\u00f6glichkeiten einer einzigen Stelle oder verschiedenste Antworten auf dieselbe Frage gibt. Der andere Aspekt ist, wie weiter oben schon angedeutet, das Recht des jeweiligen Landes. Das j\u00fcdische Recht hat sogar einen Grundsatz, nach dem das Recht des jeweiligen Landes in allen Fragen bestimmend ist, insofern es im finanziellen Interesse der Regierung und im Interesse der Bev\u00f6lkerung ist (der Grundsatz hei\u00dft dina demalchute dina, \u201edas Landesrecht ist Recht\u201c).<\/p>\n<p>Paul Weinheimer<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p>Egelkraut, Helmuth, Das Alte Testament. Entstehung \u2013 Geschichte \u2013 Botschaft, 5. Aufl., Brunnen-Verlag 2012<\/p>\n<p>Ellisen, Stanley A., Von Adam bis Maleachi. Das Alte Testament Verstehen, 5. Aufl., Dillenburg 2005<\/p>\n<p>Homolka, Walter, Das J\u00fcdische Recht. Eigenart und Entwicklung in der Geschichte, in: Humboldt Forum Recht (HFR) 17\/2009, Zugriff 31.1.2021, URL https:\/\/www.rewi.hu-berlin.de\/de\/lf\/oe\/hfr\/deutsch\/2009-17.pdf<\/p>\n<p>Martini, Annet, Susanne Talabardon, Bibelauslegung, j\u00fcdische, in: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Zugriff 31.1.2021, URL https:\/\/www.bibelwissenschaft.de\/wibilex\/das-bibellexikon\/lexikon\/sachwort\/anzeigen\/details\/bibelauslegung-juedische\/ch\/8f87f0e1c37584807a05f31e139af016\/<\/p>\n<p>M\u00fcller, Gabriel, Einf\u00fchrung in das J\u00fcdisches Recht \u2013 ein Ansatz, Zugriff 31.1.2021, URL http:\/\/www.juedisches-recht.de\/stu_einfuehrung.php<\/p>\n<p>Rienecker, Fritz, Gerhard, Maier u.a., Lexikon zur Bibel, 1. Aufl., SCM Brockhaus-Verlag 2013<\/p>\n<p>Schirer, Lorry, Israelitisches Recht. Die Halacha als lebendes Recht in Israel, Zugriff 31.1.2021, URL http:\/\/www.juedisches-recht.de\/isr_israelisches.php<\/p>\n<p>Strauss, Alfred, J\u00fcdisches und staatliches Recht; rabbinische Gerichte, Zugriff 31.1.2021, URL https:\/\/www.swissjews.ch\/de\/wissen\/factsheets\/juedisches-und-staatliches-recht-rabbinische-gerichte\/&#8220;<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.israelogie.de\/wp-content\/uploads\/images\/Logo_Israelinstitut_web-2021.svg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"YJ1DEotee6\"><p><a href=\"https:\/\/www.israelogie.de\/judentum\/rechtsspruch-statt-rechtsbruch-die-tora-als-weisung-und-leitfaden-gottes-fuer-die-gesamte-hebraeische-bibel\/\">\u201eRechtsspruch statt Rechtsbruch\u201c &#8211; Die Tora als Grundlage des j\u00fcdischen Rechts<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" title=\"&#8222;\u201eRechtsspruch statt Rechtsbruch\u201c &#8211; Die Tora als Grundlage des j\u00fcdischen Rechts&#8220; &#8212; Institut f\u00fcr Israelogie\" src=\"https:\/\/www.israelogie.de\/judentum\/rechtsspruch-statt-rechtsbruch-die-tora-als-weisung-und-leitfaden-gottes-fuer-die-gesamte-hebraeische-bibel\/embed\/#?secret=2O9W10TP4c#?secret=YJ1DEotee6\" data-secret=\"YJ1DEotee6\" width=\"525\" height=\"296\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MUSS ich, Ein Moslem euch erst daran erinnern? Oderrrrrrrrrrrrrrrrr &#8222;\u201eRechtsspruch statt Rechtsbruch\u201c \u2013 Die Tora als Grundlage des j\u00fcdischen Rechts Tanach (TaNaKh) ist die \u00fcbliche Bezeichnung f\u00fcr die gesamte Hebr\u00e4ische Bibel, die Sammlung Heiliger Schriften des Judentums. Der Tanach besteht aus drei Teilen, der Tora (Weisung), den Nevi\u2019im (Propheten) und den Ketuvim (Schriften). Die Tora &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/?p=115415\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e\u201eAlles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!\u201c (Matth\u00e4us 7,12)\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/115415"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=115415"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/115415\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":115419,"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/115415\/revisions\/115419"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=115415"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=115415"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wordpress.gurbuz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=115415"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}